Elder David R. Stone
von den Siebzigern
Im letzten Sommer hatten meine Frau und ich die Gelegenheit, nach San Diego in Kalifornien zu reisen und dort Shakespeares Macbeth am Old Globe Theater anzusehen. Wir besuchten zwei Vorstellungen, weil unsere Tochter Carolyn eine der drei Hexen in dem St?ck spielte. Nat?rlich freuten wir uns, sie in dem St?ck zu sehen, und noch mehr freuten wir uns, als sie in einem dramatischen Augenblick jene ber?hmten Worte sagte: ?Ha! Mir juckt der Daumen schon, sicher naht ein S?ndensohn.? (4. Akt, 1. Szene, Zeile 40, 41.)
Als ich dies h?rte, dachte ich daran, wie n?tzlich es w?re, ein Fr?hwarnsystem zu haben, das uns mitteilt, wenn sich B?ses naht, damit wir darauf vorbereitet sind. Das B?se naht sich uns unweigerlich, ob wir nun ein Fr?hwarnsystem haben oder nicht.
Einmal fuhren meine Frau und ich abends ?ber Land und n?herten uns einer gro?en Stadt. Als wir ?ber die H?gel fuhren und die hellen Lichter am Horizont sahen, stie? ich meine Frau an und sagte: ?Schau, die Stadt Babylon!?
Nat?rlich gibt es heute keine bestimmte Stadt, die Babylon verk?rpert. Babylon war zur Zeit des alten Israel eine Stadt, die sinnlich, dekadent und korrupt geworden war. Das bedeutendste Geb?ude in der Stadt war der Tempel eines falschen Gottes, den wir oft als Bel oder Baal bezeichnen.
Sinnlichkeit, Korruption, Dekadenz und die Verehrung falscher G?tter sind jedoch in vielen St?dten, gro? und klein, auf der ganzen Erde zu sehen. Der Herr hat gesagt: ?Sie suchen nicht den Herrn, um seine Rechtschaffenheit aufzurichten, sondern jedermann wandelt auf seinem eigenen Weg und nach dem Abbild seines eigenen Gottes, dessen Abbild dem der Welt gleicht.? (LuB 1:16.)
Zu viele Menschen in der Welt sind dem alten Babylon ?hnlich geworden, indem sie auf ihren eigenen Wegen gewandelt und einem Gott gefolgt sind, dessen Abbild dem der Welt gleicht.
Zu den gr??ten Herausforderungen, vor denen wir stehen, geh?rt, dass wir f?hig sein m?ssen, in dieser Welt zu leben, aber irgendwie nicht von dieser Welt zu sein. Wir m?ssen Zion mitten in Babylon schaffen.
?Zion mitten in Babylon? ? welch brillianter, strahlender Ausdruck f?r ein Licht, das inmitten geistiger Finsternis leuchtet. Welch eine Vorstellung, die wir fest im Herzen tragen k?nnen, wenn wir sehen, wie sich Babylon immer mehr ausbreitet. Wir sehen Babylon in unseren St?dten, wir sehen Babylon in unserem Land, wir sehen Babylon ?berall.
Und mit dem ?bergreifen Babylons m?ssen wir mitten in ihm Zion schaffen. Wir d?rfen uns von dem kulturellen Umfeld, das uns umgibt, nicht verschlingen lassen. Wir erkennen selten, in welchem Ma? wir ein Produkt unseres kulturellen Umfelds und unserer Zeit sind.
Zur Zeit des alten Israel war das Volk des Herrn eine Insel des einzig wahren Gottes, umgeben von einem Meer des G?tzendienstes. Die Wellen dieses Meeres brachen sich pausenlos an der K?ste Israels. Trotz des Gebotes, sich kein Gottesbild zu machen und sich davor niederzubeugen, konnte Israel, beeinflusst vom kulturellen Umfeld des Ortes und der Zeit, anscheinend nicht anders. Trotz des Verbots des Herrn und entgegen dem, was Propheten und Priester sagten, ging Israel immer wieder fremden G?ttern nach und beugte sich vor ihnen nieder.
Wie konnte Israel den Herrn vergessen, der es aus ?gypten gef?hrt hatte? Sie wurden st?ndig von dem, was in ihrem Umfeld popul?r war, bedr?ngt.
Wie heimt?ckisch ist doch das kulturelle Umfeld, in dem wir leben! Es durchdringt unsere Umgebung, und wir halten uns f?r vern?nftig und logisch, w?hrend wir nur allzu oft durch die moralische Gesinnung gepr?gt werden, die man auf Deutsch Zeitgeist nennt, das hei?t, unser kulturelles Umfeld und die Zeit pr?gen uns.
Da meine Frau und ich Gelegenheit hatten, in zehn verschiedenen L?ndern zu leben, konnten wir die Wirkung der moralischen Gesinnung auf das Verhalten beobachten. Br?uche, die in einem Kulturraum vollkommen annehmbar sind, gelten in einem anderen als inakzeptabel; eine Ausdrucksweise, die mancherorts als h?flich gilt, wird andernorts verabscheut. Die Menschen in jedem Kulturkreis bewegen sich in einem Kokon selbstzufriedener Selbstt?uschung, voll und ganz ?berzeugt, dass die Dinge wirklich so sind, wie sie sie sehen.
Unser kulturelles Umfeld hat die Tendenz zu bestimmen, welches Essen wir m?gen, wie wir uns kleiden, was h?fliches Verhalten ausmacht, welchen Sport wir treiben sollen, welchen Musikgeschmack wir haben sollen, wie wichtig Bildung ist und welche Einstellung wir zur Ehrlichkeit haben. Es beeinflusst die Menschen auch im Hinblick darauf, wie wichtig Erholung oder Religion sind, es beeinflusst Frauen in Bezug darauf, ob sie dem Beruf oder dem Kinderkriegen den Vorrang geben, und es hat einen machtvollen Einfluss auf unsere Einstellung zur Fortpflanzungskraft und zu sittlichen Fragen. Nur zu oft sind wir wie Marionetten, w?hrend unser kulturelles Umfeld bestimmt, was ?in? ist.
Es gibt nat?rlich einen Zeitgeist, auf den wir achten sollen, n?mlich die moralische Gesinnung des Herrn, die Kultur des Volkes Gottes. Petrus dr?ckt das so aus: ?Ihr aber seid ein auserw?hltes Geschlecht, eine k?nigliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die gro?en Taten dessen verk?ndet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.? (1 Petrus 2:9.)
Das ist die moralische Gesinnung derjenigen, die die Gebote des Herrn halten, auf seinen Wegen wandeln und ?von jedem Wort leben, das aus dem Mund Gottes hervorkommt? (LuB 84:44). Wenn uns das zu etwas Besonderem macht, dann sei es so.
Meine Aufgabe beim Bau des Manhattan-Tempels gab mir die Gelegenheit, schon vor der Weihung ziemlich oft in diesem Tempel zu sein. Es war wunderbar, in vollkommener Stille im celestialen Saal zu sitzen, ohne dass auch nur ein Laut von den gesch?ftigen Stra?en New Yorks drau?en zu h?ren war. Wie war es m?glich, dass der Tempel so ehrf?rchtig still war, wo doch das gesch?ftige Treiben der Metropole nur ein paar Meter entfernt war?
Die Antwort lag in der Bauweise des Tempels. Der Tempel war innerhalb der Mauern eines bereits bestehenden Geb?udes angelegt worden, und die Innenw?nde des Tempels waren nur an sehr wenigen Verbindungspunkten mit den Au?enw?nden verbunden. So begrenzte der Tempel ? Zion ? den Einfluss Babylons oder der Welt drau?en.
Hierin kann eine Lehre f?r uns liegen. Wir k?nnen das wirkliche Zion unter uns schaffen, indem wir das Ausma? begrenzen, in dem Babylon unser Leben beeinflusst.
Als Nebukadnezzar etwa 600 v. Chr. aus Babylon kam und Juda besiegte, f?hrte er das Volk des Herrn fort. Nebukadnezzar w?hlte einige der jungen M?nner f?r eine besondere Ausbildung und Schulung aus.
Unter ihnen waren Daniel, Hananja, Mischa?l und Asarja. Sie waren die Beg?nstigten unter den jungen Leuten, die nach Babylon gebracht worden waren. Der Diener des K?nigs wies sie an, von den Speisen des K?nigs zu essen und von seinem Wein zu trinken.
Machen wir uns einmal richtig klar, unter welchem Druck die vier jungen M?nner standen. Sie waren von einer Siegermacht als Gefangene fortgef?hrt worden und befanden sich am Hof eines K?nigs, der die Macht hatte, ?ber ihr Leben oder ihren Tod zu bestimmen. Und doch weigerten Daniel und seine Br?der sich, das zu tun, wovon sie glaubten, dass es falsch war, wie sehr die babylonische Kultur auch von dessen Richtigkeit ?berzeugt war. Und f?r diese Treue und diesen Mut segnete der Herr sie und gab ihnen ?Wissen und Verst?ndnis in jeder Art Schrifttum und Weisheit? (Daniel 1:17).
Von unserem kulturellen Umfeld dazu verleitet, erkennen wir unsere G?tzenverehrung oft kaum, weil unsere F?den von dem, was in der babylonischen Welt popul?r ist, gezogen werden. Es ist wahrhaftig so, wie der Dichter Wordsworth gesagt hat: ?Zu nah steht uns die Welt.? (?The World Is Too Much with Us; Late and Soon?, in The Complete Poetical Works of William Wordsworth, Seite 353.)
In seinem ersten Brief schreibt Johannes: ?Ich schreibe euch ?, dass ihr stark seid und dass das Wort Gottes in euch bleibt und dass ihr den B?sen besiegt habt. Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist!? (1 Johannes 2:14,15.)
Wir m?ssen nicht die Ma?st?be, die Sitten und die Moral Babylons ?bernehmen. Wir k?nnen Zion mitten in Babylon schaffen. Wir k?nnen unsere eigenen Ma?st?be f?r Musik, Literatur, Tanz, Film und Sprache haben. Wir k?nnen unsere eigenen Ma?st?be f?r Kleidung, Benehmen, H?flichkeit und Respekt haben. Wir k?nnen in ?bereinstimmung mit den Sittengesetzen des Herrn leben. Wir k?nnen begrenzen, wie viel von Babylon wir durch die Kommunikationsmedien in unser Zuhause lassen.
Wir k?nnen als ein Zionsvolk leben, wenn wir es m?chten. Wird es schwer sein? Nat?rlich, schlie?lich brechen die Wellen der babylonischen Kultur unaufh?rlich ?ber unsere K?ste herein. Wird es Mut erfordern? Selbstverst?ndlich.
Wir waren immer schon hingerissen von Geschichten ?ber den Mut derjenigen, die vor ?berm?chtigen Herausforderungen standen und sie ?berwanden. Mut ist die Grundlage f?r all unsere anderen Tugenden; der Mangel an Mut hingegen schm?lert jede unserer anderen Tugenden. Wenn wir Zion mitten in Babylon haben wollen, werden wir Mut brauchen.
Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, dass Sie irgendetwas Mutiges tun w?rden, wenn es hart auf hart k?me? Ich tat es als Junge. Ich stellte mir vor, dass jemand in Gefahr w?re und ich ihn unter Einsatz meines eigenen Lebens rettete. Oder ich stellte mir vor, dass ich bei einer gef?hrlichen Auseinandersetzung mit einem furchterregenden Gegner den Mut h?tte, diesen zu ?berw?ltigen. Dieser Art sind unsere Vorstellungen in der Jugend!
Ein Leben von fast siebzig Jahren hat mich gelehrt, dass solche heroischen Gelegenheiten selten sind, wenn sie ?berhaupt kommen.
Aber die Gelegenheiten, f?r das Rechte einzustehen, wenn der Druck, der auf uns ausge?bt wird, subtiler Art ist und sogar unsere Freunde uns dazu ermuntern, der G?tzenverehrung der Zeit nachzugeben ? diese Gelegenheiten kommen weitaus h?ufiger. Kein Fotograf ist dort, um den Heldenmut festzuhalten, kein Journalist wird es auf die Titelseite einer Zeitung bringen ? nur in der stillen Betrachtung unseres Gewissens werden wir wissen, dass wir vor dieser Mutprobe gestanden haben: Zion oder Babylon?
Lassen Sie sich nicht t?uschen. Viel von Babylon, wenn nicht das meiste davon, ist schlecht. Und wir werden kein Jucken in unserem Daumen versp?ren, das uns warnt. Aber die Wellen kommen, eine nach der anderen, und schlagen gegen unser Land. Wird es Zion sein oder Babylon?
Wenn Babylon die Stadt der Welt ist, dann ist Zion die Stadt Gottes. Der Herr hat ?ber Zion gesagt: ?Zion kann nicht anders aufgebaut werden als nur nach den Grunds?tzen des Gesetzes des celestialen Reiches? (LuB 105:5) und ?dies ist Zion ? die im Herzen Reinen? (LuB 97:21).
Wo immer wir uns auch aufhalten, in welcher Stadt wir auch leben m?gen: Wir k?nnen unser eigenes Zion nach den Grunds?tzen des celestialen Reiches aufbauen und stets danach trachten, die im Herzen Reinen zu werden. Zion ist das Sch?ne, und der Herr h?lt es in seinen H?nden. Unser Zuhause kann ein Ort der Zuflucht und des Schutzes sein ? genau wie Zion.
Wir m?ssen nicht wie Marionetten in der Hand der Kultur des Ortes und der Zeit sein. Wir k?nnen mutig sein, auf den Pfaden des Herrn gehen und ihm nachfolgen. Wenn wir dies tun, werden wir Zion genannt werden und das Volk des Herrn sein.
Ich bete darum, dass wir gest?rkt werden, um dem Ansturm Babylons zu widerstehen, und dass wir Zion in unseren Familien und Gemeinwesen schaffen k?nnen ? damit wir Zion wahrhaftig mitten in Babylon haben.
Wir trachten nach Zion, weil es die Wohnst?tte unseres Herrn Jesus Christus, unseres Erretters und Erl?sers ist. In Zion und von Zion ausgehend wird sein strahlendes, hell leuchtendes Licht scheinen, und er wird f?r immer herrschen. Ich gebe Zeugnis, dass er lebt und uns liebt und ?ber uns wacht.
Im Namen Jesu Christi. Amen.