Elder Marlin K. Jensen
von den Siebzigern
Es ist mir eine Ehre, nach Schwester Parkin zu sprechen. Ihr Dienst und ihre Lehren und auch die ihrer Ratgeberinnen sind uns allen zugute gekommen. Etwa um diese Zeit vor achtzehneinhalb Jahren stand ich nahe an diesem Pult und wartete darauf, dass das gemeinsame Lied vorbei war; dann sollte ich vortreten und meine erste Generalkonferenzansprache halten. Meine Nervosit?t muss offensichtlich gewesen sein. Elder L. Tom Perry, der hinter mir stand, beugte sich vor und fl?sterte mir auf seine positive, ansteckende Art ins Ohr: ?Ganz ruhig, wir haben schon seit Jahren niemanden mehr an diesem Rednerpult verloren!?
Diese aufmunternden Worte und die wenigen Minuten danach, in denen ich erstmals zu einem weltweiten Publikum von Mitgliedern der Kirche sprach, sind mir eine kostbare Erinnerung. Wie Sie alle sammle ich best?ndig Erinnerungen, die ich, wenn sie mir wieder einfallen, als ?u?erst n?tzlich und sch?n empfinde. Obwohl ich mir als junger Mann vorgenommen habe, andere niemals zu langweilen, indem ich in Erinnerungen schwelge, wenn ich ?lter werde, erz?hle ich heute nur zu gern bei fast jeder Gelegenheit von meinen Erinnerungen. Heute jedoch m?chte ich ?ber einen Gesichtspunkt der Erinnerung im Evangelium Jesu Christi sprechen, der weit dar?ber hinausgeht, dass einem von allein wieder etwas einf?llt, was einen freut.
Wenn wir einmal genau betrachten, wie der Begriff erinnern in den heiligen Schriften gebraucht wird, erkennen wir, dass das ?Erinnern?, so wie Gott es m?chte, ein fundamentaler und errettender Grundsatz des Evangeliums ist. Und zwar deshalb: Wenn ein Prophet mahnt, sich an etwas zu erinnern bzw. an etwas zu denken, ist das h?ufig ein Aufruf zur Tat: zu h?ren, zu sehen, zu tun, zu gehorchen, zur Umkehr.1 Wenn wir uns auf die Weise Gottes erinnern, ?berwinden wir die menschliche Neigung, uns f?r den Lebenskampf lediglich zu r?sten, und nehmen den Kampf tats?chlich auf, indem wir alles in unserer Macht Stehende tun, um der Versuchung standzuhalten und nicht zu s?ndigen.
K?nig Benjamin forderte derart aktives Erinnern von seinem Volk:
?Und schlie?lich kann ich euch nicht alles sagen, wodurch ihr S?nde begehen k?nnt; denn es gibt mancherlei Mittel und Wege, selbst so viele, dass ich sie nicht aufz?hlen kann.
Aber so viel kann ich euch sagen, wenn ihr nicht Acht habt auf euch und eure Gedanken und eure Worte und eure Taten und nicht die Gebote Gottes beachtet und nicht im Glauben an das fest bleibt, was ihr ?ber das Kommen unseres Herrn geh?rt habt, selbst bis ans Ende eures Lebens, m?sst ihr zugrunde gehen. Und nun, o Mensch, denke daran und gehe nicht zugrunde.?2
Woran sollen wir sonst noch denken, nachdem wir einmal erkannt haben, wie entscheidend es f?r uns ist, dass wir uns erinnern? Da wir heute versammelt sind, um dieses historischen Tabernakels zu gedenken und es erneut zu weihen, m?chte ich zum Beispiel antworten, dass die Geschichte der Kirche Jesu Christi und ihrer Mitglieder es wert ist, an sie zu denken. In den heiligen Schriften hat die Geschichte der Kirche hohen Stellenwert. Sie macht sogar einen gro?en Teil der Schriften aus. Am Gr?ndungstag der Kirche gebot der Herr dem Propheten Joseph Smith: ?Siehe, ein Bericht soll unter euch gef?hrt werden.?3 Joseph Smith befolgte dieses Gebot, indem er Oliver Cowdery, den Zweiten ?ltesten der Kirche und seinen wichtigsten Helfer, zum ersten Geschichtsschreiber der Kirche ernannte. Wir f?hren Berichte als Erinnerungsst?tze, und von der Zeit Oliver Cowderys bis zum heutigen Tag ist ein Bericht ?ber die Anf?nge und den Fortschritt der Kirche gef?hrt worden. Dieser au?ergew?hnliche Geschichtsbericht erinnert uns daran, dass Gott den Himmel erneut aufgetan und Wahrheiten offenbart hat, die unsere Generation zur Tat rufen.
Unter allem, was Geschichtsschreiber in all diesen Jahren gesammelt, aufbewahrt und niedergeschrieben haben, zeigt nichts deutlicher, welche Bedeutung und Macht der Geschichte der Kirche innewohnen, als die einfache und ehrliche Schilderung von Joseph Smith, wie ihm Gottvater und dessen Sohn Jesus Christus erschienen sind, was in unseren Geschichtsb?chern nun als die erste Vision bekannt ist. In Worten, die Generationen von Missionaren sich eingepr?gt und Wahrheitssuchern in aller Welt zitiert haben, beschreibt Joseph Smith, auf welch wundersame Weise seine im Gebet vorgetragene Frage beantwortet wurde, welche Kirche die richtige sei:
?[Ich sah] gerade ?ber meinem Haupt, heller als das Licht der Sonne, eine S?ule aus Licht, die allm?hlich herabkam, bis sie auf mich fiel. ?
Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Personen von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit ?ber mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn h?re!?4
Joseph Smith h?rte ihn wahrhaftig! Millionen haben seinen Bericht geh?rt oder gelesen, daran geglaubt und das Evangelium Jesu Christi angenommen, zu dessen Wiederherstellung er beigetragen hat. Ich glaube Joseph Smith und wei?, dass er ein wahrer Prophet Gottes war. Ich kann nicht an sein Erlebnis bei der ersten Vision denken, ohne dass ich im Innersten aufger?ttelt werde, mich mehr zu engagieren und mehr zu tun.
Niemand sch?tzt den Wert der Geschichte der Kirche h?her als Pr?sident Gordon B. Hinckley. Wir lieben seinen Sinn f?r Humor, aber sein Sinn f?r Geschichte ist ebenso ausgepr?gt. Seine Schriften und Ansprachen sind mit inspirierenden Begebenheiten und Anekdoten aus unserer Vergangenheit gespickt. Als unser lebender Prophet betont er bewusst die Vergangenheit und die Zukunft, damit wir rechtschaffener in der Gegenwart leben k?nnen. Dank seiner Aussagen begreifen wir, dass das Erinnern uns erm?glicht, in unserer Vergangenheit die Hand Gottes zu erkennen, so wie Prophezeiung und Glauben uns die Gewissheit von Gottes Hand in unserer Zukunft geben. Pr?sident Hinckley erinnert uns daran, wie die Mitglieder w?hrend der Anf?nge der Kirche ihre Herausforderungen gemeistert haben, damit wir dank der Gnade Gottes mit gr??erem Glauben die unseren meistern k?nnen. Indem er unsere Vergangenheit lebendig erh?lt, verbindet er uns mit den Menschen, Orten und Ereignissen, die unser geistiges Erbe ausmachen, und spornt uns dadurch zu besserem Dienen, gr??erem Glauben und gr??erer Freundlichkeit an.
Beispielhaft erz?hlt Pr?sident Hinckley uns auch offen aus seiner Vergangenheit und der seiner Familie. Unz?hligen entmutigten neuen Missionaren war es ein Trost, zu erfahren, dass auch Pr?sident Hinckley zu Beginn seiner Mission den Mut verlor und das seinem Vater beichtete. Mutig zitierte er gar die knappe Antwort seines Vaters: ?Lieber Gordon, ich habe deinen letzten Brief erhalten. Ich kann dir nur eins raten: Vergiss dich selbst und geh an die Arbeit!?5 ?ber 70 Jahre sp?ter sind wir alle Zeugen, wie sehr sich Pr?sident Hinckley diesen Rat zu Herzen genommen hat. Sein edler Charakter und seine prophetische Weisheit sind ein ?berzeugender Beweis daf?r, wie n?tzlich es ist, die Geschichte der Kirche und die eigene im Ged?chtnis zu behalten.
Man k?nnte noch viel mehr ?ber das Erinnern und seinen Zweck im Evangelium Jesu Christi sagen. Wir sprechen oft davon, an unsere heiligen B?ndnisse und an Gottes Gebote zu denken, auch an die errettenden heiligen Handlungen f?r unsere verstorbenen Vorfahren und daran, diese zu vollziehen. Am wichtigsten ist: Wir sprechen davon, dass wir an unseren Erretter Jesus Christus denken m?ssen, und zwar nicht nur, wenn es gerade passt, sondern immer, denn das m?chte er.6 Wir bezeugen, immer an ihn zu denken, wenn wir vom Abendmahl nehmen. Daf?r wird uns verhei?en, dass sein Geist immer mit uns sein wird. Interessanterweise ist das derselbe Geist, den der himmlische Vater sendet, damit er ?[uns] an alles [erinnert]?7. Wenn wir also w?rdig vom Abendmahl nehmen, treten wir mit der Hilfe des Geistes in einen ?u?erst wohltuenden Kreislauf des Erinnerns ein ? unser Denken und unsere Hingabe kehren immer wieder zu Christus und seinem S?hnopfer zur?ck.
Zu Christus zu kommen und in ihm vollkommen zu werden ist, so glaube ich, letztlich der Zweck allen Erinnerns.8 Daher bete ich, dass Gott uns segnen m?ge, dass wir uns immer erinnern, vor allem an seinen vollkommenen Sohn, und nicht zugrunde gehen. Ich gebe dankbar Zeugnis von der G?ttlichkeit Christi und seiner errettenden Macht. Im Namen Jesu Christi. Amen.