/

177th Annual General Conference, April 2007

Der Geist des Tabernakels

Pr?sident Boyd K. Packer
Amtierender Pr?sident des Kollegiums der Zw?lf Apostel

Das Tabernakel ist ein weithin sichtbares Zeichen f?r die Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi.

Vor 46 Jahren wurde ich als Assistent des Kollegiums der Zw?lf Apostel berufen, und zum ersten Mal trat ich an dieses Pult. Ich war 37 Jahre alt. Auf einmal fand ich mich umgeben von den ehrw?rdigen und weisen Propheten und Aposteln, ?deren Namen?, wie es in einem Lied hei?t, ?wir alle ehren? (?Oh, Holy Words of Truth and Love?, Hymns, Nr. 271). Ich sp?rte, dass ich den Anforderungen bei Weitem nicht gerecht wurde.

Etwa zu dieser Zeit hatte ich hier im Tabernakel ein pr?gendes Erlebnis. Es gab mir Zuversicht und Mut.

Damals fand hier vor der Fr?hjahrs-Generalkonferenz noch die PV-Konferenz statt. Ich kam durch einen der S?deing?nge herein, als ein gro?er PV-Kinderchor unter der Leitung von Schwester Lue S. Groesbeck vom Hauptausschuss der PV gerade das Anfangslied sang. Es ging so:

Andachtsvoll, friedlich leis denken wir an dich, o Herr.
Andachtsvoll, friedlich leis singen wir zu deiner Ehr.
Andachtsvoll, friedlich leis soll das Beten sein.
Heute gib den Heilgen Geist uns ins Herz hinein.
(?Andachtsvoll, friedlich leis?, Liederbuch f?r Kinder, Seite 11.)


Die Kinder sangen leise und der Organist, der genau wusste, dass ein wirklich brillanter Spieler die Aufmerksamkeit nicht auf sich zieht, spielte dazu kein Solo. Geschickt, fast unmerklich lie? er die Kinderstimmen zu einer Melodie voller Inspiration und Offenbarung verschmelzen. Da geschah es! Das, was ich am dringendsten als St?tze f?r die kommenden Jahre brauchen sollte, hielt tief und unausl?schlich Einzug in meine Seele.

Ich empfand wohl das, was der Prophet Elija versp?rt hatte. Er hatte den Himmel vor dem schlechten K?nig Ahab verschlossen und war in eine H?hle geflohen, um den Herrn zu suchen.

?Ein starker, heftiger Sturm ? [zerriss] die Berge ? und [zerbrach] die Felsen ? Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben.

Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises S?useln.

Als Elija es h?rte?, so der Bericht, ?h?llte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der H?hle?, um mit dem Herrn zu sprechen (siehe 1 K?nige 19:11-13).

Ich empfand gewisserma?en, was die Nephiten gesp?rt haben m?ssen, als der Herr sich ihnen zeigte: ?[Sie] vernahmen ? eine Stimme, als ob sie aus dem Himmel k?me; und sie lie?en ihre Augen umherschweifen, denn sie verstanden die Stimme, die sie vernahmen, nicht; und es war nicht eine raue Stimme, noch war es eine laute Stimme; doch ungeachtet dessen, dass es eine sanfte Stimme war, drang sie denen, die sie vernahmen, bis ins Innerste, so sehr, dass es an ihrem Leib keinen Teil gab, den sie nicht erbeben lie?; ja, sie drang ihnen bis tief in die Seele und lie? ihnen das Herz brennen.? (3 Nephi 11:3.)

Es ist diese sanfte, leise Stimme, die Elija und die Nephiten vernahmen und die der Prophet Joseph Smith genau kannte, als er schrieb: ?So spricht die leise, sanfte Stimme, die durch alles fl?stert und alles durchdringt.? (LuB 85:6.)

In diesem pr?genden Moment begriff ich, dass man die sanfte, leise Stimme eher f?hlt als h?rt. Solange ich ihr Beachtung schenkte, w?rde mein geistlicher Dienst annehmbar sein.

Von da an hatte ich die Gewissheit, dass der Tr?ster, der Heilige Geist, f?r jeden da ist, der der Einladung folgt, zu bitten, zu suchen und anzuklopfen (siehe Matth?us 7:7,8; Lukas 11:9,10; 3 Nephi 14:7,8; LuB 88:63). Ich wusste, dass alles gut gehen w?rde. Im Laufe der Jahre hat sich das best?tigt.

Ich erkannte au?erdem, welch gro?e Wirkung Musik auf uns haben kann. Wenn Musik ehrf?rchtig dargeboten wird, kann sie einer Offenbarung gleichkommen. Zeitweise kann man sie wohl nicht von der Stimme des Herrn, der leisen, sanften Stimme des Geistes, trennen.

Gute Musik jeder Art hat ihren Platz. Und es gibt zahllose Orte, wo man sie h?ren kann. Aber das Tabernakel auf dem Tempelplatz l?sst sich mit keinem davon vergleichen.

Seit Generationen beginnt die w?chentliche Sendung des Tabernakelchors mit dem Singen dieser Worte aus der Feder von William W. Phelps:

Seht, der Tag des Herrn bricht an!
Sanft und leise kommt heran;
besinnt euch nun, lasst alles ruhn.
Kommt und danket eurem Gott,
der euch hilft aus eurer Not.
(?Seht, der Tag des Herrn bricht an?, Gesangbuch, Nr. 96.)


Vor ?ber 100 Jahren hielt Pr?sident Wilford Woodruff, der damals ?ber 91 Jahre alt war, seine vielleicht letzte Ansprache an diesem Pult. Unter den Zuh?rern war der 12-j?hrige LeGrand Richards. Sein Vater, George F. Richards (der sp?ter zum Apostel ordiniert wurde), brachte seine S?hne zum Tabernakel, damit sie die f?hrenden Br?der h?ren konnten. LeGrand hat dieses Erlebnis nie vergessen.

?ber 20 Jahre stand ich Elder LeGrand Richards sehr nahe. Als er 96 Jahre alt war, trug er diese Botschaft noch immer im Herzen. Er konnte sich nicht mehr an Pr?sident Woodruffs Worte erinnern, aber er konnte nie vergessen, was er empfunden hatte, als sie gesprochen wurden.

Manchmal habe ich die Gegenwart derjenigen versp?rt, die dieses Tabernakel erbaut und instand gehalten haben. Mit Musik und gesprochenen Worten haben diejenigen, die uns vorangegangen sind, das Einfache am Evangelium und das Zeugnis von Jesus Christus bewahrt. Dieses Zeugnis war das Licht, von dem sie sich leiten lie?en.

Gro?es, was das Schicksal der Kirche bestimmt hat, hat sich hier in diesem Tabernakel auf dem Tempelplatz ereignet.

Abgesehen von Joseph Smith und Brigham Young ist jeder Pr?sident der Kirche in einer feierlichen Versammlung in diesem Tabernakel best?tigt worden. In ?hnlicher Weise wird einmal im Jahr bei der Generalkonferenz die Beamtenbest?tigung vorgenommen wie auch noch ein weiteres Mal in jedem Pfahl, jeder Gemeinde und jedem Zweig, wie die Offenbarung es verlangt.

Der Herr hat gesagt: ?Keinem soll es gegeben sein, hinzugehen, um mein Evangelium zu predigen oder meine Kirche aufzurichten, au?er er sei von jemandem dazu ordiniert worden, der Vollmacht hat, und es ist der Kirche bekannt, dass er Vollmacht hat und von den H?uptern der Kirche ordnungsgem?? ordiniert worden ist.? (LuB 42:11.)

Deshalb kann kein Fremder unter uns auftreten und Vollmacht beanspruchen und versuchen, die Kirche in die Irre zu f?hren.

Hier wurde 1880 die K?stliche Perle als offizielle heilige Schrift der Kirche anerkannt.

Hier wurden au?erdem den Standardwerken zwei Offenbarungen hinzugef?gt, heute bekannt als Abschnitt 137 und 138 in Lehre und B?ndnisse. Abschnitt 137 gibt eine Vision wieder, die im Kirtland-Tempel an den Propheten Joseph Smith ergangen ist, und Abschnitt 138 ist eine Vision, in der Pr?sident Joseph F. Smith gesehen hat, wie der Erretter den Geistern der Toten erschienen ist.

Hier wurde den Mitgliedern 1979 nach jahrelanger Vorbereitung die von der Kirche herausgegebene King-James-?bersetzung der Bibel vorgestellt.

Die neuen Ausgaben des Buches Mormon, des Buches Lehre und B?ndnisse und der K?stlichen Perle wurden der Kirche hier angek?ndigt.

Bei der Generalkonferenz 1908 verlas Pr?sident Joseph F. Smith Abschnitt 89 des Buches Lehre und B?ndnisse ? das Wort der Weisheit. Dann sprachen er, seine beiden Ratgeber und der Pr?sident der Zw?lf alle ?ber dasselbe Thema, das Wort der Weisheit. Daraufhin wurde es in einer Abstimmung einstimmig als f?r die Mitglieder der Kirche bindend angenommen.

Diese Offenbarung beginnt folgenderma?en: ?Infolge der Schlechtigkeit und der b?sen Absichten, die im Herzen von verschw?rerischen Menschen in den Letzten Tagen vorhanden sind und sein werden, habe ich euch gewarnt und warne euch im Voraus, indem ich euch durch Offenbarung dieses Wort der Weisheit gebe.? (LuB 89:4.)

Es ist ein Schild und Schutz f?r unsere Mitglieder, besonders f?r unsere Jugendlichen. Es ist Bestandteil der ?ganzen Waffenr?stung? Gottes, die, so hat Gott es in den Offenbarungen verhei?en, sie vor den ?feurigen Pfeilen? des Widersachers sch?tzen wird (siehe LuB 27:15-18).

Die Kirche und einzelne Mitglieder sehen sich seit je den Angriffen des Widersachers ausgesetzt, und das wird immer so sein. Mit lauter, misst?nender Musik ?berdeckt er die sanfte, leise Stimme oder vertreibt sie gar. Diese Musik strotzt nur so vor Texten, die man nicht versteht ? wenn man sie versteht, wird es dadurch oft nur noch schlimmer. Er bem?ht sich sehr, uns auch mit jeder anderen Versuchung, mit der er aufwarten kann, in die Irre zu f?hren.

Hier hat der Herr durch Offenbarung die Ordnung des Priestertums erkl?rt, und dies ?ffnete die T?r daf?r, dass des Heilands Gebot erf?llt wurde, das Evangelium ?jeder Nation, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk? (siehe LuB 133:37) zu bringen und die Kirche unter ihnen aufzurichten.

Hier erhielt das Buch Mormon den Untertitel ?Ein weiterer Zeuge f?r Jesus Christus?. Seitdem wei? ein jeder, der das Buch aufschl?gt, schon anhand des Titels, was darin zu finden ist.

Das, was in diesem heiligen Geb?ude gelehrt und gepredigt sowie musikalisch dargeboten wird, das, was man hier sp?rt, und der Geist, der hier anwesend ist, ?bertr?gt sich unvermindert auf das gro?e Konferenzzentrum nebenan. Dort vernehmen Zehntausende die Worte, die in Dutzende Sprachen ?bersetzt und an Versammlungsorte in aller Welt gesandt werden.

Ja, mehr noch, der Geist gelangt in das Zuhause von Abermillionen Heiliger der Letzten Tage. Dort beten die Eltern f?r das Wohlergehen ihrer Kinder. M?nner und Frauen und, wie im Buch Mormon verhei?en, selbst kleine Kinder k?nnen das Zeugnis von Jesus Christus (siehe Mosia 24:22; Alma 32:23; 3 Nephi 17:25) und von der Wiederherstellung seines Evangeliums empfangen.

Dieses Tabernakel auf dem Tempelplatz ist ?ein Haus des Betens, ein Haus des Fastens, ein Haus des Glaubens, ein Haus der Herrlichkeit und Gottes ?, ja, [sein] Haus? (siehe LuB 109:16). Wer auch immer gebeten wird, hier zu sprechen oder aufzutreten, in m?ndlicher oder musikalischer Form etwas vorzutragen oder etwas Kulturelles darzubieten, muss darauf achten, dass sein Beitrag angemessen ist.

Wer nach Ansehen bei den Menschen trachtet, so warnen uns die heiligen Schriften, l?sst sich sachte von dem einzig sicheren Pfad im Leben wegf?hren (siehe Johannes 12:43; 1 Nephi 13:9; 2 Nephi 26:29; Helaman 7:21; Mormon 8:38; LuB 58:39). Die heiligen Schriften warnen uns auch unmissverst?ndlich vor dem, was folgt, wenn wir ?nach den Ehren der Menschen streben? (siehe LuB 121:35).

Es kommt nicht so sehr darauf an, was man in einer Predigt h?rt, sondern vielmehr darauf, was man dabei empfindet. Der Heilige Geist kann allen, die in seinen Einflussbereich gelangen, best?tigen, dass die Botschaften wahr sind, dass dies die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist.

Das Tabernakel steht hier direkt neben dem Tempel als feste Bezugsgr??e, und es ist zu einem Symbol der Wiederherstellung geworden. Es wurde von mittellosen und ganz gew?hnlichen Menschen erbaut. Heute kennt man es in aller Welt.

Der Tabernakelchor, der nach diesem Geb?ude benannt ist, ist seit vielen Jahren ein Aush?ngeschild der Kirche. M?ge er niemals von dieser, seiner zentralen Aufgabe abkommen, die ihm seit Generationen zukommt, oder sich davon abbringen lassen.

Von Generation zu Generation hat der Chor jede Sendung mit dem Lied ?Seht, der Tag des Herrn bricht an? (Gesangbuch, Nr. 96) begonnen und mit dem Lied ?Wie der Tau, vom Himmel tr?ufelnd? (Gesangbuch, Nr. 97) geschlossen ? eine inspirierende Botschaft, die auf die Lehre von der Wiederherstellung aufbaut und zahlreiche Grunds?tze vermittelt.

Das Tabernakel gilt in der Welt als eines der gro?en Zentren erhebender Musik und Kultur. Aber vor allem ist es ein weithin sichtbares Zeichen f?r die Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi. Dieses schlichte Zeugnis hat sich mir hier in diesem Geb?ude tief und unausl?schlich eingepr?gt, als diese PV-Kinder so voller Ehrfurcht sangen, dass es wie eine Offenbarung klang.

Gott segne dieses heilige Geb?ude und alles, was innerhalb seiner Mauern geschieht. Wie dankbar sind wir doch, dass es erneuert und renoviert worden ist, ohne seinen heiligen Charakter einzub??en.

Elder Parley P. Pratt vom Kollegium der Zw?lf Apostel las einmal folgende Worte aus Abschnitt 121 im Buch Lehre und B?ndnisse: ?Lass Tugend immerfort deine Gedanken zieren; dann wird dein Vertrauen in der Gegenwart Gottes stark werden, und die Lehre des Priestertums wird auf deine Seele fallen wie der Tau vom Himmel.

Der Heilige Geist wird dein st?ndiger Begleiter sein und dein Zepter ein unwandelbares Zepter der Rechtschaffenheit und Wahrheit, und deine Herrschaft wird eine immerw?hrende Herrschaft sein, und ohne N?tigung wird sie dir zuflie?en f?r immer und immer.?(LuB 121:45,46.)

Tief bewegt wandte Parley P. Pratt sich in Gedanken einem Lied zu, das eigentlich ein Gebet ist. Viele Jahre lang hat der Chor damit seine w?chentliche Sendung beendet:

Wie der Tau, vom Himmel tr?ufelnd,
auf dem Gras sucht sanfte Rast,
es belebt und so erf?llet,
was du vorgesehen hast;

so lass, Herr, auch deine Lehre
auf uns Menschen kommen nun,
dass sie uns dazu bewege,
deiner Liebe Werk zu tun.

Herr, sieh an, die hier versammelt,
deren Durst dein Wort nur stillt,
dass f?r sie von deinem Throne
reiner Tau des Lebens quillt.

Herr, erh?re unser Flehen:
Gie?e aus den Heilgen Geist,
dass die Menschen dich verehren
und dich jede Seele preist.
(?Wie der Tau vom Himmel tr?ufelnd?, Gesangbuch, Nr. 97.)


Dem m?chte ich an diesem heiligen Tag der Weihung mein Zeugnis hinzuf?gen, dass Jesus der Messias ist, dass dies sein Haus ist. Im Namen Jesu Christi. Amen.