Elder Joseph B. Wirthlin
vom Kollegium der Zw?lf Apostel
In letzter Zeit habe ich ?ber viele der wunderbaren Erfahrungen nachgedacht, die ich in meinem Leben gemacht habe. Als ich meinem himmlischen Vater meinen Dank f?r diese gro?artigen Segnungen und Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht habe, ist mir bewusst geworden, wohl mehr als je zuvor, wie entscheidend dabei meine Entwicklungsjahre waren.
Viele der wichtigsten und pr?gendsten Momente meines Lebens erlebte ich als junger Mann. Die Lektionen, die ich damals lernte, formten meinen Charakter und bestimmten mein Schicksal. Ohne sie w?re ich heute ein ganz anderer Mann und an einem ganz anderen Ort. Heute Abend m?chte ich ein paar Minuten ?ber einige dieser Erfahrungen sprechen und dar?ber, was ich daraus gelernt habe.
Ein Footballspiel an der Highschool gegen eine konkurrierende Schule werde ich nie vergessen. Ich stand als Offensivspieler auf der Au?enseite und hatte die Aufgabe, entweder den gegnerischen Verteidiger zu blocken oder zu versuchen, mich freizulaufen, damit der Spielmacher mir den Ball zuwerfen konnte. Warum ich mich gerade an dieses Spiel so gut erinnere, liegt daran, dass der Kerl auf der anderen Seite des Balles ? der Mann, den ich blocken sollte ? ein Riese war.
Ich war nicht gerade sonderlich hochgewachsen. Aber dieser Kerl fand vermutlich nicht seinesgleichen. Ich wei? noch, wie ich zu ihm aufschaute und dachte, dass er vermutlich doppelt so viel wog wie ich. Man darf nicht vergessen, dass wir damals nicht die Schutzausr?stung hatten, wie sie die Spieler heute tragen. Mein Helm war aus Leder, und ich hatte keinen Gesichtsschutz.
Je l?nger ich dar?ber nachdachte, desto klarer war die Ern?chterung: Sollte ich je zulassen, dass er mich fing, konnte ich meine Mannschaft den Rest der Saison vom Krankenbett aus anfeuern.
Zum Gl?ck war ich schnell. Den gr??ten Teil der ersten Halbzeit gelang es mir, ihm aus dem Weg zu gehen.
Au?er bei einem Spielzug.
Unser Spielmacher lief ein paar Schritte zur?ck, um einen Pass zu werfen. Ich stand frei. Er warf, und der Ball flog auf mich zu.
Das einzige Problem war, dass ich hinter mir einen schwerf?lligen Galopp h?rte. Mich durchzuckte der Gedanke: Wenn ich den Ball hier fing, war es durchaus m?glich, dass mir meine Mahlzeiten in Zukunft durch eine Sonde verabreicht w?rden. Doch der Ball flog auf mich zu, und meine Mannschaft verlie? sich auf mich. Also streckte ich die H?nde aus, und ? im letzten Moment ? sah ich auf.
Da war er.
Ich wei? noch, dass der Ball meine H?nde traf. Ich wei? noch, dass ich versuchte, ihn zu halten. Und ich wei? auch noch, dass ich den Ball auf dem Rasen aufschlagen h?rte. Was danach geschah, wei? ich nicht mehr so genau, denn der Riese traf mich so hart, dass ich nicht mehr sicher war, auf welchem Planeten ich mich befand. Doch ich erinnere mich an eine tiefe Stimme, die aus einem dunklen Nebel sprach: ?Geschieht dir recht, was spielst du auch in der falschen Mannschaft!?
William McKinley Oswald war der Footballtrainer meiner Highschool. Er war ein gro?artiger Trainer und hatte einen nachhaltigen Einfluss auf mich. Ich glaube jedoch, dass er seine Methode, die Spieler zu motivieren, wohl von einem Spie? bei der Armee gelernt hatte.
An diesem Tag machte Coach Oswald w?hrend der Halbzeitbesprechung die ganze Mannschaft darauf aufmerksam, dass ich den Ball verloren hatte. Dann zeigte er auf mich und fragte: ?Wie konnte das passieren??
Er sprach nicht gerade mit ged?mpfter Stimme.
?Ich will wissen, warum du den Pass hast fallen lassen.?
Ich stammelte kurz ein paar Worte und beschloss dann, die Wahrheit zu sagen. ?Ich habe nicht auf den Ball geachtet?, sagte ich.
Mein Trainer sah mich an und sagte: ?Das stimmt, du hast nicht auf den Ball geachtet. Tu das nie wieder. Durch solche Fehler verliert man das Spiel.?
Ich respektierte Coach Oswald. Auch wenn ich mich schrecklich f?hlte, entschloss ich mich, das zu tun, was mein Trainer sagte. Ich schwor mir, den Ball nie wieder aus den Augen zu lassen, selbst wenn das bedeutete, dass ich mich von dem Riesen auf der anderen Seite der Linie in den Boden stampfen lassen musste.
Wir liefen zur?ck aufs Spielfeld, und die zweite Halbzeit begann. Es war ein knappes Spiel. Obwohl meine Mannschaft gut gespielt hatte, lagen wir gegen Ende des vierten Viertels um vier Punkte zur?ck.
Beim n?chsten Spielzug rief unser Spielmacher meine Zahl. Ich lief wieder nach vorn und wieder stand ich frei. Der Ball flog auf mich zu. Doch dieses Mal stand der Riese direkt vor mir und zwar genau richtig, um den Ball abzufangen.
Er streckte die Arme aus, aber der Ball flog ihm durch die Finger. Ich sprang hoch, lie? den Ball keine Sekunde aus den Augen, griff danach und holte ihn herunter und erzielte den Touchdown, der das Spiel f?r uns entschied.
Von der anschlie?enden Feier wei? ich nicht mehr viel, aber ich erinnere mich gut an den Gesichtsausdruck meines Trainers.
?So und nicht anders achtet man auf einen Ball?, sagte er.
Ich glaube, ich habe eine Woche lang gel?chelt.
Ich habe viele gro?artige M?nner und Frauen kennengelernt. Auch wenn ihre Lebensumst?nde ganz unterschiedlich sind und sie ganz unterschiedliche Talente und Ansichten haben, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie arbeiten eifrig und beharrlich daran, ihre Ziele zu erreichen. Es ist leicht, sich ablenken zu lassen und das aus den Augen zu verlieren, was im Leben am wichtigsten ist. Ich habe mich bem?ht, die Lektionen von Coach Oswald nicht zu vergessen und festzulegen, welche Werte mir wichtig sind, damit ich das im Auge behalten kann, worauf es wirklich ankommt.
Ich bitte euch eindringlich, euer Leben zu pr?fen. Stellt fest, wo ihr seid und was ihr tun m?sst, um die Art Mensch zu werden, die ihr sein m?chtet. Setzt euch inspirierende, edle und rechtschaffene Ziele, die eure Vorstellungskraft befl?geln und in eurem Herzen Begeisterung wecken. Und dann lasst sie nicht mehr aus den Augen. Arbeitet beharrlich daran, sie zu erreichen.
?Wer mit Zuversicht seine Tr?ume zu verwirklichen sucht?, schrieb Henry David Thoreau, ?und sich bem?ht, das Leben zu f?hren, das er sich vorgestellt hat, der hat Erfolg, wie er ihn kaum erwartet hat.?1
Mit anderen Worten: Lasst den Ball nie aus den Augen!
Ich lernte noch eine weitere Lektion auf dem Footballfeld, da lag ich gerade unter zehn anderen Spielern begraben. Es war ein Meisterschaftsspiel. Ich sollte mit dem Ball durch die Mitte laufen und den Touchdown erzielen, der uns in F?hrung bringen sollte. Ich ?bernahm den Ball und st?rzte mich zwischen die gegnerischen Spieler. Ich wusste, dass ich nicht weit von der Ziellinie entfernt war, aber ich wusste nicht, wie weit. Ich steckte zwar unter den anderen Spielern fest, aber ich konnte doch meine Finger ein bisschen nach vorn strecken und die Ziellinie sp?ren. Sie war nur f?nf Zentimeter entfernt.
In diesem Moment war ich versucht, den Ball nach vorn zu schubsen. Ich h?tte es tun k?nnen. Wenn dann die Schiedsrichter schlie?lich einen Spieler nach dem anderen heruntergeholt h?tten, w?re ich ein Held gewesen. Niemand h?tte es je erfahren.
Von einem solchen Augenblick hatte ich schon als kleiner Junge getr?umt. Und jetzt war ich so nah dran. Doch dann erinnerte ich mich an die Worte meiner Mutter. ?Joseph?, hatte sie oft gesagt, ?tu, was recht ist, und achte nicht auf die Folgen. Tu, was recht ist, dann kommt am Ende alles in Ordnung.?
Ich h?tte diesen Touchdown so gerne erzielt! Aber noch lieber, als in den Augen meiner Freunde ein Held zu sein, wollte ich in den Augen meiner Mutter ein Held sein. Also lie? ich den Ball dort, wo er war ? f?nf Zentimeter von der Ziellinie entfernt.
Damals war es mir nicht bewusst, aber das war eine pr?gende Erfahrung. H?tte ich dem Ball einen Schubs gegeben, dann w?re ich einen Augenblick lang der Gr??te gewesen, aber ich h?tte f?r diesen verg?nglichen Ruhm einen zu hohen und dauerhaften Preis gezahlt ? mein Gewissen h?tte eine Narbe abbekommen, die mir mein Leben lang geblieben w?re. Ich wusste, dass ich tun musste, was recht war.
Das Licht Christi hilft uns, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn wir zulassen, dass Versuchungen die leise Stimme unseres Gewissens ersticken, dann werden Entscheidungen schwierig.
Meine Eltern haben mich gelehrt, schnell zu reagieren, wenn ich versucht werde, und sofort und mit Nachdruck ?Nein!? zu sagen. Diesen Rat empfehle ich auch euch. Meidet die Versuchung.
Eine weitere Lektion, die ich gelernt habe, war die Freude, die der Dienst am N?chsten bringt. Ich habe schon einmal erz?hlt, dass mein Vater, der der Bischof unserer Gemeinde war, mich beauftragte, einen Wagen voll zu laden und Nahrungsmittel und Sonstiges zu bed?rftigen Familien zu bringen. Er war nicht der Einzige, der den Wunsch hatte, den Bedr?ngten zu helfen.
Vor f?nfundsiebzig Jahren pr?sidierte Bischof William F. Perschon ?ber die 4. Gemeinde des Pfahles Pioneer in Salt Lake City. Er war ein Einwanderer aus Deutschland, ein Bekehrter, und er sprach mit starkem Akzent. Er war ein guter Gesch?ftsmann, aber vor allem zeichnete er sich durch sein gro?es Mitgef?hl aus.
Jede Woche w?hrend der Priestertumsversammlung lie? Bischof Perschon die Tr?ger des Aaronischen Priestertums den folgenden Satz aufsagen: ?Priestertum bedeutet dienen; da ich das Priestertum trage, werde ich dienen.?
Das war nicht nur so dahingesagt. Wenn Witwen Unterst?tzung brauchten, waren Bischof Perschon und die Tr?ger des Aaronischen Priestertums zur Stelle. Wenn ein Gemeindehaus gebaut wurde, waren Bischof Perschon und die Tr?ger des Aaronischen Priestertums zur Stelle. Wenn die Zuckerr?ben und die Kartoffeln auf der Wohlfahrtsfarm von Unkraut befreit oder geerntet werden mussten, waren Bischof Perschon und die Tr?ger des Aaronischen Priestertums zur Stelle.
Sp?ter war William Perschon in der Pfahlpr?sidentschaft und hatte viel Einfluss auf einen jungen Bischof namens Thomas S. Monson. In den 50er Jahren wurde Bischof Perschon berufen, ?ber die Schweiz-?sterreich-Mission zu pr?sidieren. Er spielte beim Bau des ersten Tempels, der ?in ?bersee? gebaut wurde, n?mlich in Bern, eine ma?gebliche Rolle.
Man kann nicht an Bischof Perschon denken, ohne an seine F?rsorge und sein Mitgef?hl f?r andere zu denken und an seinen unerm?dlichen Eifer, dies auch andere zu lehren. Von den jungen Tr?gern des Aaronischen Priestertums, ?ber die er als Bischof pr?sidierte, wurden neunundzwanzig sp?ter selbst einmal Bischof. Zehn dienten in einer Pfahlpr?sidentschaft. F?nf wurden Missionspr?sidenten, drei nahmen die Berufung als Tempelpr?sident an und zwei wurden Generalautorit?ten.2
Das ist die St?rke eines gro?artigen F?hrers, Br?der. Das ist die St?rke des Dienens.
Obwohl es mir damals gar nicht so bewusst war, wei? ich heute, dass diese Lektionen ? und viele andere, die ich als Jugendlicher gelernt habe ? die Grundlage waren, auf die sich mein ganzes Leben aufbaute.
Wir alle besitzen geistige Gaben. Manche sind mit der Gabe des Glaubens gesegnet, andere mit der Gabe der Heilung. In der gesamten Kirche sind alle geistigen Gaben vorhanden. Ich selbst bin vor allem f?r eine geistige Gabe dankbar, n?mlich dass ich mit einem gehorsamen Geist gesegnet worden bin. Wenn ich klugen Rat von meinen Eltern oder den F?hrern der Kirche h?rte, dann beachtete ich ihn und bem?hte mich, ihn zu einem Teil meines Denkens und Handelns zu machen.
Br?der im Priestertum, ich bitte euch eindringlich, die Gabe eines gehorsamen Geistes zu pflegen. Der Erretter hat gelehrt: ?Wer diese meine Worte h?rt und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, ? wer aber meine Worte h?rt und nicht danach handelt, ist wie ein unvern?nftiger Mann.?3
Woher wissen wir, ob wir klug oder t?richt sind? Wenn wir inspirierten Rat h?ren, befolgen wir ihn. Das ist der Test, ob wir klug oder t?richt sind.
Was n?tzt es uns, wenn wir weisen Rat anh?ren, aber nicht beachten? Was n?tzt uns Erfahrung, wenn wir nicht daraus lernen? Was n?tzen uns die heiligen Schriften, wenn wir nicht an den Worten festhalten und sie in unser Leben aufnehmen?
Pr?sident Gordon B. Hinckley hat verhei?en, dass der himmlische Vater ?Segen auf diejenigen herabsch?tten [wird], die den Geboten gehorchen?.4
Ich bekr?ftige, was er gesagt hat.
Ich bezeuge, dass Jesus der Messias ist, der Erl?ser aller Menschen. Ich bezeuge, dass Gott nicht weit entfernt ist. Er sorgt sich um uns und liebt seine Kinder. Propheten, Seher und Offenbarer leiten den Fortschritt der wiederhergestellten Kirche Jesu Christi. Pr?sident Gordon B. Hinckley ist der neuzeitliche Prophet f?r die Kirche und die Welt.
Ich danke meinem Sch?pfer f?r dieses wunderbare Leben, in dem jeder von uns die Gelegenheit hat, Lektionen zu lernen, die wir auf anderem Wege nicht ganz verstehen k?nnten.
Meine lieben Br?der, m?gen wir uns rechtschaffene Ziele setzen und daran arbeiten, sie zu erreichen, das tun, was recht ist, und uns in Liebe unseren Mitmenschen zuwenden. Dies ist mein Gebet und mein Zeugnis. Im Namen Jesu Christi. Amen.