Elder Richard G. Scott
vom Kollegium der Zw?lf Apostel
Diese Konferenz begann mit der tief bewegenden Darbietung des bekannten Liedes ?Wie sch?n die Stund? durch den gro?artigen Tabernakelchor. Der gel?ufige Text erinnert uns daran, dass das Gebet die Quelle von Trost, Schutz und Hilfe ist, die uns unser liebevoller, mitf?hlender himmlischer Vater gern gew?hrt.
Das Gebet ist eine erhabene Gabe, die jeder Mensch vom Vater im Himmel erhalten hat. Bedenken Sie: Das absolut h?chste Wesen, er, der allwissend und allm?chtig ist und alles sieht, ermuntert Sie und mich, so unbedeutend wir sind, mit ihm als unserem Vater zu sprechen. Eigentlich gebietet er es uns sogar, weil er wei?, wie dringend wir seine F?hrung brauchen: ?Du sollst sowohl laut als auch in deinem Herzen beten, ja, sowohl vor der Welt als auch im Verborgenen, sowohl in der ?ffentlichkeit als auch, wenn du allein bist.?1
Es kommt nicht auf unsere Lebensumst?nde an ? ob wir dem?tig oder arrogant, arm oder reich, frei oder versklavt, gebildet oder unwissend, geliebt oder vergessen sind: Wir k?nnen ihn ansprechen. Wir brauchen keinen Termin. Unser Gebet kann kurz sein oder so lange dauern, wie wir brauchen. Wir k?nnen ausf?hrlich unsere Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen oder in einer Notsituation schnell um Hilfe bitten. Er hat unz?hlige Universen geschaffen und sie mit Welten bev?lkert, und doch k?nnen Sie und ich mit ihm pers?nlich sprechen und er antwortet immer.
Wir beten zu unserem himmlischen Vater im heiligen Namen seines geliebten Sohnes, Jesus Christus. Mit dem Gebet kann man am meisten erreichen, wenn man danach strebt, rein und gehorsam zu sein, richtige Beweggr?nde hat und willens ist, das zu tun, was Gott verlangt. Ein dem?tiges, vertrauensvolles Gebet schenkt Orientierung und Frieden.
Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie Ihre Gef?hle vielleicht etwas ungeschickt ausdr?cken. Sprechen Sie einfach mit Ihrem mitf?hlenden, verst?ndnisvollen Vater. Sie sind sein wertvolles Kind, das er auf vollkommene Weise liebt und dem er helfen m?chte. Wenn Sie beten, soll Ihnen bewusst sein, dass der Vater im Himmel nah ist und zuh?rt.
Ein Schl?ssel zu einem besseren Gebet: Lernen Sie, die richtigen Fragen zu stellen. ?berlegen Sie, ob Sie nicht mehr darum bitten wollen, was Sie gern m?chten, sondern lieber aufrichtig in Erfahrung bringen wollen, was er f?r Sie m?chte. Wenn Sie dann seinen Willen kennen, bitten Sie darum, dass Sie die Kraft erhalten, dem gerecht zu werden.
Sollten Sie sich einmal fern von unserem Vater f?hlen, kann das viele Gr?nde haben. Woran es auch liegen mag ? wenn Sie weiterhin um Hilfe flehen, wird er Sie dazu f?hren, das zu tun, was Ihnen die Sicherheit zur?ckbringt, dass er nahe ist. Beten Sie auch dann, wenn Sie nicht den Wunsch dazu haben. Manchmal haben Sie sich vielleicht wie ein Kind falsch verhalten und glauben nun, dass Sie mit einem Problem nicht an Ihren Vater herantreten k?nnen. Gerade dann brauchen Sie das Gebet am dringendsten. F?hlen Sie sich nie zu unw?rdig zum Beten.
Ich frage mich, ob wir wohl je die immense Macht des Gebets ergr?nden k?nnen, ehe wir vor einem ?berw?ltigenden, dringenden Problem stehen und erkennen, dass wir au?erstande sind, es zu l?sen. Dann wenden wir uns an unseren Vater und erkennen dem?tig an, dass wir ganz und gar von ihm abh?ngig sind. Es ist gut, einen abgeschiedenen Ort zu suchen, wo wir unsere Gef?hle in Worte fassen k?nnen, so lang und so intensiv wie n?tig.
Ich habe das getan. Einmal habe ich etwas erlebt, was in mir gr??te Angst ausl?ste. Das hatte nichts mit Ungehorsam oder ?bertretung zu tun, sondern mit einer immens wichtigen zwischenmenschlichen Beziehung. Einige Zeit sch?ttete ich mein Herz in innigem Gebet aus. Doch so sehr ich mich bem?hte, konnte ich keine L?sung finden, und der m?chtige Aufruhr in mir lie? nicht nach. Ich flehte um Hilfe von dem ewigen Vater, den ich kennen gelernt habe und dem ich vollst?ndig vertraue. Ich konnte keinen Weg erkennen, der mir die Ruhe verschaffen w?rde, mit der ich im Allgemeinen gesegnet bin. Schlaf ?berkam mich. Als ich erwachte, war ich von Frieden erf?llt. Nochmals kniete ich mich in feierlichem Gebet nieder und fragte: ?Herr, wie ist das geschehen?? In meinem Herzen wusste ich die Antwort: seine Liebe und seine Sorge um mich. Dies ist die Macht eines aufrichtigen Gebets an einen mitf?hlenden Vater.
Ich habe viel ?ber das Gebet gelernt, indem ich Pr?sident Hinckley zugeh?rt habe, wie er in unseren Sitzungen betet. Auch Sie k?nnen von ihm lernen, indem Sie sich intensiv mit dem au?ergew?hnlichen ?ffentlichen Gebet befassen, das er am Ende der Konferenz im Oktober 2001 f?r die Kinder des himmlischen Vaters in aller Welt gesprochen hat. Er sprach von Herzen, nicht nach einem vorbereiteten Manuskript. (Der Einfachheit halber ist das Gebet am Ende dieser Ansprache abgedruckt.)2
Befassen Sie sich mit diesem Gebet und Sie werden feststellen, dass es keine unn?tigen Wiederholungen gibt, keine Posen, die andere beeindrucken sollen, wie es manchmal geschieht. Er verbindet redegewandt einfache W?rter. Er betet als dem?tiger, vertrauensvoller Sohn, der seinen geliebten Vater im Himmel gut kennt. Er wei? mit Sicherheit, dass der Herr dann antworten wird, wenn es am n?tigsten ist. Jedes Gebet ist auf seinen Zweck zugeschnitten. Er sagt deutlich, wof?r eine L?sung gebraucht wird, und dankt auch ausf?hrlich f?r konkrete Segnungen, die er als solche anerkennt. Seine spontanen Gebete sind wie geschliffene Juwelen, ein stiller Zeuge f?r die gro?e Bedeutung, die das Gebet in seinem Leben schon seit vielen Jahren hat.
Einige Wahrheiten dar?ber, wie wir Antwort auf unsere Gebete erhalten, sind vielleicht hilfreich.
Wenn wir um Hilfe in einer wichtigen Sache beten, schickt uns der himmlische Vater h?ufig sanfte Eingebungen, die erfordern, dass wir nachdenken, Glauben aus?ben, arbeiten, manchmal auch k?mpfen und dann handeln. Es ist ein schrittweiser Vorgang, der es uns erm?glicht, inspirierte Antworten zu erkennen.
Ich habe festgestellt, dass das, was uns manchmal als undurchdringliche Wand erscheint, die jede Verst?ndigung blockiert, tats?chlich ein gro?er Schritt ist, den wir vertrauensvoll gehen m?ssen. Selten werden Sie sofort eine vollst?ndige Antwort erhalten. Sie kommt St?ck f?r St?ck, portionsweise, sodass Ihre F?higkeiten erweitert werden. Wenn Sie jedes St?ck glaubensvoll umsetzen, werden Sie zum n?chsten gef?hrt, bis Sie dann die ganze Antwort haben. Dieser Vorgang erfordert, dass Sie daran glauben, dass unser Vater Ihnen antworten kann. Auch wenn es manchmal schwer ist, so f?hrt dies doch zu bedeutendem pers?nlichen Wachstum.
Er wird Ihre Gebete immer erh?ren und wird stets darauf antworten. Allerdings wird er selten antworten, w?hrend Sie noch auf den Knien sind und beten, auch wenn Sie um eine sofortige Antwort ringen. Vielmehr wird er Ihnen in einem stillen Augenblick etwas eingeben, wenn der Geist am besten Ihren Verstand und Ihr Herz erreichen kann. Daher brauchen Sie Zeiten der Ruhe, damit Sie es erkennen k?nnen, wenn Sie unterwiesen und gest?rkt werden. Seine Vorgehensweise bringt Sie dazu, zu wachsen.
Pr?sident David O. McKay hat bezeugt: ?Es ist richtig, dass die Antwort auf unsere Gebete nicht immer so direkt und zu der Zeit, auch nicht auf die Weise, erfolgt, wie wir es erwarten; aber die Antwort kommt, und zwar zu einer Zeit und auf eine Weise, wie es f?r den, der die Bitte ausspricht, am besten ist.?3 Seien Sie dankbar, dass Gott Sie manchmal lange Zeit ringen l?sst, ehe die Antwort kommt. Ihr Charakter wird gest?rkt, Ihr Glaube nimmt zu. Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesen beiden: Je gr??er Ihr Glaube ist, desto st?rker ist Ihr Charakter, und ein st?rkerer Charakter vergr??ert Ihre F?higkeit, noch mehr Glauben auszu?ben.
Gelegentlich erhalten Sie auch eine Antwort, ehe Sie ?berhaupt fragen. Das kann geschehen, wenn Ihnen eine Gefahr nicht bewusst ist oder Sie etwas Falsches tun und irrt?mlicherweise meinen, es sei richtig.
Es ist wirklich schwer, wenn ein aufrichtiges Gebet um etwas, was man sich sehr w?nscht, nicht so erh?rt wird, wie man es gern h?tte. Man kann nur schwer verstehen, dass das erhoffte Ergebnis ausbleibt, obwohl man doch tiefen und aufrichtigen Glauben ?bt und gehorsam ist. Jesus hat gelehrt: ?Was auch immer ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird euch gegeben werden, was f?r euch ratsam ist.?4 Manchmal ist es schwer zu verstehen, was f?r uns auf lange Sicht am besten oder ratsam ist. Ihr Leben wird leichter, wenn Sie akzeptieren, dass das, was Gott in Ihrem Leben tut, zu Ihrem ewigen Besten ist.
Sie sind angehalten, nach Antworten auf Ihre Gebete zu trachten.5 Halten Sie sich an den Rat des Meisters: ?Du musst es mit deinem Verstand durcharbeiten.?6 H?ufig wird Ihnen eine L?sung einfallen. Wenn Sie dann um die Best?tigung bitten, dass Ihre Antwort richtig ist, erhalten Sie Hilfe. Das kann durch Ihre Gebete geschehen oder als Eingebung vom Heiligen Geist und manchmal durch den Einfluss anderer.7
Dieser Rat hinsichtlich des Gebets, der Oliver Cowdery gegeben wurde, kann auch Ihnen helfen: ?Siehe, ? du hast gemeint, ich w?rde es dir geben, obschon du dir keine Gedanken gemacht hast, au?er mich zu bitten. ?
Du musst es mit deinem Verstand durcharbeiten; dann ? mich fragen, ob es recht ist, und wenn es recht ist ?, [wird] dein Herz in dir [brennen]; darum wirst du f?hlen, dass es recht ist.?8
Dann kommt die Antwort als Gef?hl, verbunden mit Gewissheit. Der Erretter nennt zwei verschiedene Arten: ?Ich werde es dir in deinem Verstand und in deinem Herzen durch den Heiligen Geist sagen.?9
Antworten an den Verstand und das Herz sind Botschaften des Heiligen Geistes an unseren Geist. F?r mich ist eine Antwort an den Verstand sehr konkret, wie diktierte Worte, w?hrend eine Antwort an das Herz eher ein allgemeines Gef?hl ist, beispielsweise, dass ich mehr beten soll.10
Dann stellt der Herr klar: ?Wenn es [was du dem Herrn vorlegst] aber nicht recht ist, wirst du ? eine Gedankenstarre haben.?11 Bei mir ist das ein beunruhigendes, unangenehmes Gef?hl.
Oliver Cowdery wurde noch eine andere M?glichkeit gezeigt, wie man eine zustimmende Antwort erh?lt: ?Habe ich deinem Sinn nicht Frieden in dieser Angelegenheit zugesprochen??12 Das Gef?hl des Friedens ist die h?ufigste Best?tigung, die ich pers?nlich erlebt habe. Wenn mir eine wichtige Sache viele Sorgen bereitete und ich ohne Erfolg um eine L?sung rang, dann setzte ich voller Glauben diese Bem?hungen fort. Sp?ter kam ein alles durchdringender Friede, der meine Sorgen wegnahm, wie der Herr es verhei?en hat.
Einige Missverst?ndnisse ?ber das Gebet kann man kl?ren, wenn man erkennt, dass in den heiligen Schriften zwar Grunds?tze f?r wirksame Gebete erkl?rt werden, jedoch nicht gesagt wird, wann die Antwort gegeben wird. Der Herr antwortet eigentlich immer auf eine von drei Arten. Erstens k?nnen Sie den Frieden, den Trost und die Sicherheit f?hlen, dass Ihre Entscheidung richtig ist. Oder zweitens: Sie haben dieses ruhelose Gef?hl, eine Gedankenstarre, die zeigt, dass Ihre Entscheidung falsch ist. Oder drittens ? und das ist der schwierige Fall: Sie k?nnen keine Antwort wahrnehmen.
Was machen Sie, wenn Sie sich gut vorbereitet haben, inbr?nstig gebetet haben, eine angemessene Zeit auf eine Antwort gewartet haben und trotzdem keine Antwort empfinden? Sie k?nnen Ihre Dankbarkeit ausdr?cken, wenn das geschieht, denn es ist ein Beweis seines Vertrauens. Wenn Sie w?rdig leben und Ihre Entscheidung mit den Lehren des Erl?sers ?bereinstimmt und Sie handeln m?ssen, dann fahren Sie vertrauensvoll fort. Wenn Sie f?r die Eingebungen des Geistes empf?nglich sind, wird das eine oder andere sicherlich zur gegebenen Zeit eintreten: Entweder wird eine Gedankenstarre folgen, als Hinweis auf eine falsche Entscheidung, oder Sie werden den Frieden oder das Brennen im Herzen f?hlen, das best?tigt, dass Ihre Entscheidung richtig war. Wenn Sie rechtschaffen leben und vertrauensvoll handeln, wird Gott Sie nicht zu weit gehen lassen, ohne Sie zu warnen, wenn Sie die falsche Entscheidung getroffen haben.
Ein wichtiger Aspekt beim Gebet ist Dankbarkeit. Jesus hat gesagt: ?Und in nichts beleidigt der Mensch Gott, ? ausgenommen diejenigen, die nicht seine Hand in allem anerkennen und nicht seinen Geboten gehorchen.?13 Wenn wir ?ber die unvergleichliche Gabe des Gebets nachdenken und die unbegrenzten Segnungen, die daraus hervorgehen, werden unser Verstand und unser Herz von aufrichtiger, ?berflie?ender Dankbarkeit erf?llt. Sollten wir daher nicht best?ndig und von ganzem Herzen, so gut es nur geht, unserem geliebten Vater unsere grenzenlose Dankbarkeit bekunden f?r die erhabene Gabe des Gebets und f?r seine Antworten, die unseren Bed?rfnissen gerecht werden und uns gleichzeitig anspornen zu wachsen?
Ich bezeuge, dass unser Vater Ihnen immer auf die Art und zu der Zeit Antwort gibt, wie es f?r Sie in ewiger Hinsicht am besten ist. Im Namen Jesu Christi. Amen.