176th Semiannual General Conference, October 2006

Blickt auf Christus, streckt eure H?nde zu ihm aus und kommt zu ihm

Anne C. Pingree
Zweite Ratgeberin in der FHV-Pr?sidentschaft

Der Messias streckt uns seinen Arm der Barmherzigkeit entgegen, immer bestrebt, uns zu empfangen ? wenn wir uns entscheiden, zu ihm zu kommen.

In Minerva Teicherts beeindruckenden Gem?lde Christus im roten Gewand steht der Erretter der Menschheit majest?tisch mit ausgebreiteten Armen, in den H?nden die N?gelmale. Z?rtlich und mitf?hlend blickt er auf die Frauen hinab, die ihre H?nde nach ihm ausstrecken.

Vor allem gef?llt mir die Symbolik: Frauen, die ihre H?nde nach dem Erretter ausstrecken. Wir sehnen uns danach, dem Herrn nahe zu sein, denn wir wissen, dass er jede von uns liebt und sich w?nscht, uns auf ewig mit den Armen seiner Liebe zu umfangen.1 Seine Ber?hrung kann geistige, emotionale und k?rperliche Leiden heilen. Er ist unser F?rsprecher, unser Vorbild, der gute Hirt, unser Erl?ser. Auf wen sonst sollten wir blicken, zu wem sonst unsere H?nde ausstrecken, zu wem sonst kommen – wenn nicht zu Jesus Christus, zum „Urheber und Vollender des Glaubens“.2

Er hat verk?ndet: „Ja, wahrlich, ? wenn ihr zu mir kommt, werdet ihr ewiges Leben haben. Siehe, mein Arm der Barmherzigkeit ist euch entgegengestreckt, und wer auch immer kommt, den werde ich empfangen.“3 Seine Verhei?ung fordert uns nicht nur auf, unsere H?nde zu ihm auszustrecken, sondern auch den so bedeutsamen n?chsten Schritt zu tun: zu ihm zu kommen.

Dies ist wirklich eine motivierende, aufmunternde Lehre. Der Messias streckt uns seinen Arm der Barmherzigkeit entgegen, immer bestrebt, uns zu empfangen – wenn wir uns entscheiden, zu ihm zu kommen. Wenn wir „mit voller Herzensabsicht“4 zu Christus kommen, dann sp?ren wir seine liebevolle Ber?hrung auf ganz pers?nliche Weise.

„Eine Frau“5 traf diese Entscheidung und versp?rte seine Ber?hrung. „Darunter war eine Frau, die schon seit zw?lf Jahren an Blutungen litt und bisher von niemand geheilt werden konnte.

Sie dr?ngte sich von hinten an ihn heran und ber?hrte den Saum seines Gewandes. Im gleichen Augenblick kam die Blutung zum Stillstand.

Da fragte Jesus: Wer hat mich ber?hrt? Als alle es abstritten, sagten Petrus und seine Gef?hrten: Meister, die Leute dr?ngen sich doch von allen Seiten um dich und erdr?cken dich fast.

Jesus erwiderte: Es hat mich jemand ber?hrt; denn ich f?hlte, wie eine Kraft von mir ausstr?mte.

Als die Frau merkte, dass sie es nicht verheimlichen konnte, kam sie zitternd zu ihm, fiel vor ihm nieder und erz?hlte vor allen Leuten, warum sie ihn ber?hrt hatte und wie sie durch die Ber?hrung sofort gesund geworden war.

Da sagte er zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“6

Ich habe mich gefragt, was wohl geschehen w?re, wenn diese Frau, die an Blutungen litt, nicht genug an den Erretter geglaubt h?tte, um alle notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, um den Saum seines Gewandes zu ber?hren. Ich stelle mir vor, dass es in diesem Gedr?nge schon ein Kunstst?ck war, so dicht an ihn heranzukommen. Sie zweifelte jedoch nicht,7 sondern blieb beharrlich.

Wir m?ssen auf gleiche Weise zeigen, dass der Glaube an den Herrn tief genug in unser Herz gedrungen ist, um uns zum Handeln zu bewegen.

Eine Freundin hat mir von einer Situation erz?hlt, in der sie untr?stlich war. Sie litt so sehr wegen eines tragischen Ereignisses in der Familie, dass sie an jenem Tag nicht einmal aus dem Haus gehen konnte. Unangemeldet kam eine FHV-Schwester zu ihr und sagte: „Ich hatte das Gef?hl, dass du mich brauchst.“ Die Schwester stellte keine weiteren Fragen, sondern nahm meine Freundin einfach in die Arme und fragte sie: „M?chtest du, dass wir ein Gebet sprechen?“ Nach dem Gebet ging die Schwester wieder. Diese liebevolle Ber?hrung und einf?hlsame Vorgehensweise trug sehr dazu bei, das gebrochene Herz meiner Freundin zu heilen.

Diese liebevolle FHV-Schwester h?rte nicht nur auf den Geist, sondern handelte auch gem?? dieser Eingebung. Sie zeigte wahrhaftig, dass der g?ttliche Einfluss, der in den Lehren der Errettung zu finden ist, sie so tief ber?hrt hatte, dass sie sich t?glich darum bem?hte, christlich zu handeln. Ihre Taten spiegelten wider, dass sie wusste, dass „die Liebe niemals aufh?rt“8.

Pr?sident Gordon B. Hinckley hat ?ber Sie, Millionen von glaubenstreuen FHV-Schwestern, die ebenso wie diese mitf?hlende Schwester die „immerw?hrende“9 Christusliebe, n?mlich die N?chstenliebe, widerspiegeln, gesagt: „Diese wunderbaren und selbstlosen Frauen haben zahllose Male den Leidenden zur Seite gestanden, den Verletzten die Wunden versorgt, den Betr?bten Zuspruch und Trost gespendet, ? diejenigen, die gest?rzt sind, aufgerichtet und ihnen die Kraft, den Mut und den Willen gegeben, weiterzumachen.“10

Eben dieser Wille, voranzugehen, hin zu unserem Erretter, erfordert es manchmal, dass wir auf der Stelle Umkehr ?ben. Das bedeutet, dass wir erkennen, dass wir Fehler gemacht haben oder etwas nicht getan haben, was wir h?tten tun k?nnen, um jemanden zu ermutigen oder ihm zu helfen. Diese Kurskorrekturen in Gedanken, Wort oder Tat sind unerl?sslich f?r alle, die den Wunsch haben, zu Christus zu kommen. Sie stehen f?r einzelne Entscheidungen dar?ber, wie wir einander wortw?rtlich und im ?bertragenen Sinn ber?hren k?nnen.

Wir nahen uns dem Erretter, wenn wir andere liebevoll in die Arme nehmen. Oder auch nicht. Wir lindern emotionale oder k?rperliche Wunden. Oder auch nicht. Wir betrachten andere mit liebevollen und nicht mit kritischen Augen. Oder auch nicht. Wir bitten um Vergebung f?r Schaden, den wir verursacht haben, selbst wenn es unabsichtlich geschah. Oder auch nicht. Wir bew?ltigen die schwere geistige Arbeit, denjenigen, die uns gekr?nkt haben, zu vergeben. Oder auch nicht. Wir bringen das, was wir in pers?nlichen Beziehungen falsch gemacht oder ?bersehen haben, sofort in Ordnung, wenn es uns bewusst geworden ist. Oder auch nicht.

Wie Sie wei? auch ich, was es bedeutet, grundlegende Kurskorrekturen vorzunehmen. Einmal hatte ich, ohne jede Absicht, eine Schwester in meiner Gemeinde gekr?nkt. Ich musste diese Sache bereinigen, aber ich muss zugeben, dass mein Stolz mich davon abhielt, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Familie, andere Verpflichtungen und so weiter – ich fand Wege, meine Umkehr aufzuschieben. Ich war mir sicher, dass sich das Ganze von selbst erledigen w?rde. Doch das geschah nicht.

Mitten in der Nacht – und das nicht nur in einer Nacht, sondern mehrfach – wachte ich mit der klaren Erkenntnis auf, dass ich nicht den Weg ging, den der Herr f?r mich vorgesehen hatte. Ich handelte nicht gem?? meines Glaubens, dass sein Arm der Barmherzigkeit mir tats?chlich entgegengestreckt war – sofern ich richtig handelte. Ich betete um St?rke und Mut, dem?tigte mich, besuchte die Schwester und bat sie um Verzeihung. Es war f?r uns beide ein sch?nes, heilendes Erlebnis.

Manchmal ist eine Kurskorrektur ganz unmittelbar, wenn wir beispielsweise unsere eiligen Schritte nach den Versammlungen in der Kirche nicht zum Ausgang lenken, sondern – stattdessen – hin?bergehen, um eine einsame Schwester zu begr??en, von der wir wissen, dass sie lange reden wird. Oft ist die Korrektur jedoch langfristig, wenn wir beispielsweise immer wieder Gef?hle der Bitterkeit ?berwinden, wenn uns Angeh?rige gedankenlos behandeln, und uns darum bem?hen, eine positive Beziehung aufzubauen. Diese einzelnen Kurskorrekturen, entscheidende Momente der Umkehr, schenken regelm??ig „als Frucht den Frieden und die Gerechtigkeit“.11

Da wir nach dieser Frucht der Gerechtigkeit streben, ist es kein Wunder, dass wir – wie die Frauen in Minerva Teicherts herrlichem Kunstwerk – unsere H?nde sehns?chtig und anbetend zum Erretter ausstrecken, denn wir wissen, dass „er den Arm der Barmherzigkeit zu denen ausstreckt, die ihr Vertrauen in ihn setzen“.12 Und da diese herrliche Verhei?ung wahr ist: Auf wen sonst sollten wir dann blicken, zu wem sonst unsere H?nde ausstrecken, zu wem sonst kommen – wenn nicht zu Jesus Christus, dem Licht der Welt, dem Lamm Gottes, dem Messias?

Ich wei?, dass „der Sohn der Rechtschaffenheit sich erheben [wird] mit Heilung in seinen Fl?geln“,13 nicht nur f?r die Frau, die an Blutungen litt, sondern f?r uns alle. Er wird uns f?hren und segnen und uns sammeln – wenn wir uns entscheiden, zu ihm zu kommen. M?gen wir dies jeden Tag unseres Lebens tun.

Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Siehe 2 Nephi 1:15
  2. Siehe Hebr?er 12:2
  3. Siehe 3 Nephi 9:14
  4. Siehe 3 Nephi 10:6
  5. Siehe Markus 5:25
  6. Lukas 8:43-48
  7. Siehe Jakobus 1:6
  8. Siehe Moroni 7:46
  9. Siehe Moroni 8:17
  10. „Mormone sollte ?besser? hei?en“, Der Stern, Januar 1991, Seite 55
  11. Siehe Hebr?er 12:11
  12. Mosia 29:20
  13. Siehe 3 Nephi 25:2