176th Semiannual General Conference, October 2006

Das ist das ewige Leben ? Gott zu erkennen

Elder Keith R. Edwards
von den Siebzigern

Wir k?nnen uns geistige Erkenntnisse aneignen, wenn wir in Leid, Schmerz und Kummer auf Christus blicken.

Der Chor hat gesungen: „Jesus, wenn ich nur denk an dich“1. Im Buch Mormon prophezeit Nephi ?ber den Messias:

„Und wegen ihres ?beltuns wird die Welt ?ber ihn urteilen, er sei ein Nichts; darum gei?eln sie ihn, und er erduldet es; und sie schlagen ihn, und er erduldet es. Ja, sie speien ihn an, und er erduldet es wegen seines liebevollen Wohlwollens und seiner Langmut gegen?ber den Menschenkindern.“2

Das gro?e, au?erordentliche Leiden des Erretters galt uns – damit wir davor bewahrt werden, so zu leiden, wie er gelitten hat.3 Dennoch ist Leid ein Bestandteil des Lebens, und nur wenige k?nnen ihm entgehen. Weil jeder von uns gelitten hat, leidet oder noch leiden wird, gibt es in den heiligen Schriften einen guten Rat: Wir k?nnen uns geistige Erkenntnisse aneignen, wenn wir in Leid, Schmerz und Kummer auf Christus blicken. Vor alters schrieb Paulus, dass unser Leiden uns die Gelegenheit geben kann, den Erretter besser zu kennen zu lernen. Er schrieb an die R?mer:

„So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“4

Dass wir uns auf die Suche nach M?hsal und Leid machen sollen, steht da allerdings nicht. Es geht vielmehr um die Einstellung, mit der wir an unsere Bedr?ngnisse und Pr?fungen herangehen sollen und durch die wir den Erretter besser kennen lernen k?nnen. Die Erfahrung lehrt uns, dass Leid zu den Ereignissen im Leben geh?rt, die ohne unser Zutun eintreten. Wenn ich ein pers?nliches Beispiel verwenden darf:

Vor ein paar Jahren, als unser ?ltester Sohn etwa ein Jahr alt war, war ich der Ausl?ser f?r scheinbar unn?tiges Leid. Meine Frau und ich studierten noch, und eines Abends hatte ich mit meinem Jungen auf dem Fu?boden gespielt. Ich verlie? das Zimmer, um zu lernen, und als ich die T?r hinter mir schloss, wollte er anscheinend nach mir greifen, hob die Hand ?ber den Kopf und geriet mit seinem Finger zwischen die T?rangeln. Sein Finger wurde dabei ziemlich schwer verletzt.

Wir fuhren eilig zur Notaufnahme im Krankenhaus, er bekam eine ?rtliche Bet?ubung und der Arzt kam; er versicherte uns, der Finger k?nne wiederhergestellt werden. Es war beinahe paradox – das Einzige, was mein Sohn in diesem Moment wollte, war, von seinem Vater gehalten zu werden. Solange er mich sehen konnte, wehrte er alle Bem?hungen ab, seinen Arm f?r die doch recht komplizierte Operation festbinden zu lassen. Erst als ich den Raum verlie?, beruhigte er sich und konnte ?rztlich versorgt werden.

W?hrenddessen war ich voll Sorge, hielt mich st?ndig in der N?he der offenen T?r auf und schaute um die Ecke, um zu sehen, wie alles ging. Vielleicht nahm er gewisserma?en mit dem sechsten Sinn etwas wahr, denn jedes Mal, wenn ich still und leise um die Ecke guckte, die sich schr?g hinter ihm befand, hob er den Kopf und strengte sich an, um zu sehen, ob ich da sei.

Einmal warf ich einen Blick auf ihn, wie er so dalag, den Arm zur Seite gestreckt, den Kopf erhoben, um nach seinem Vater auszuschauen, und da kam mir der Gedanke an einen anderen Sohn in den Sinn, dessen ausgestreckte Arme ans Kreuz genagelt waren und der nach seinem Vater ausschaute, und mir fielen die Worte ein: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“5 Aus diesem sehr traumatischen Augenblick in meinem Leben wurde auf einmal ein sehr heiliger.

Es gibt in den heiligen Schriften eine Reihe von M?nnern und Frauen, die anscheinend immer auf Christus geblickt haben – Menschen, die ungeachtet dessen, welchen Schmerz oder welches Unrecht das Leben ihnen bescherte, ihrem Glauben treu blieben und bereitwillig ausharrten. Da ist zum Beispiel Abraham, dem das Land seiner V?ter genommen wurde und dem geboten wurde, Isaak zu opfern. Oder Josef, der von seinen Br?dern in die Sklaverei verkauft wurde, der eingekerkert wurde, weil er Tugend und Keuschheit in Ehren hielt, und der wegen eines gedankenlosen Knechts noch l?nger im Gef?ngnis bleiben musste. Oder Rut, die schon fr?h verwitwet und mittellos, aber ihrer Schwiegermutter mit unwandelbarer Treue zugetan war. Oder die drei M?nner, die alle den Namen Nephi trugen, ebenso Alma und sein Sohn und nat?rlich der Prophet Joseph Smith.

Besonders bemerkenswert ist f?r mich Nephis Ausdauer. Er ertrug den steten Hass seiner Br?der und verbrachte vier Tage lang gefesselt auf dem Schiff, das zum verhei?enen Land segelte. Er konnte sich nicht bewegen. Am vierten Tag, als sie nahe daran schienen, vom Meer verschlungen zu werden, f?rchteten seine Br?der, sie k?nnten zugrunde gehen, und sie „l?sten die Fesseln, die um [seine] Handgelenke waren; und siehe, sie waren ?ber die Ma?en angeschwollen; und auch [seine] Kn?chel waren sehr geschwollen, und sie schmerzten sehr.

Dennoch schaute [er] zu [seinem] Gott auf und ? pries ihn den ganzen Tag lang und ? murrte nicht.“6

Erinnern Sie sich jedoch, dass es Nephi war, der schrieb: „[Sie] gei?eln ? ihn, und er erduldet es; sie schlagen ihn, und er erduldet es. Ja, sie speien ihn an, und er erduldet es.“7 Nephi verstand das.

Der Grund f?r unser Leiden ist nicht immer gleich ersichtlich, doch der Prophet Joseph Smith hatte beispielsweise ein einzigartiges geistiges Erlebnis in der Zeit, die er im Gef?ngnis von Liberty verbrachte. Der Herr sprach ihm Trost zu:

„Mein Sohn, Friede sei deiner Seele; dein Ungemach und deine Bedr?ngnisse werden nur einen kleinen Augenblick dauern,

und dann, wenn du gut darin ausharrst, wird Gott dich in der H?he erh?hen; du wirst ?ber alle deine Feinde triumphieren.“8

„Wisse, mein Sohn, dass dies alles dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen wird.

Des Menschen Sohn ist unter das alles hinabgefahren. Bist du gr??er als er?“9

Wenn von uns verlangt wird, Leid zu ertragen, das uns mitunter absichtlich oder aus Fahrl?ssigkeit zugef?gt wird, geraten wir in eine einzigartige Situation: Wenn wir wollen, kann uns dadurch das Leiden des Sohnes Gottes neu bewusst werden. Wenn Alma uns sagt, dass Christus alles erlitten hat, was jeder von uns jemals erleiden wird, damit er wisse, wie er uns beistehen k?nne,10 dann kann es auch umgekehrt so sein: Unser Leid vermag uns Einblick in die Tiefe und die Gr??e seines S?hnopfers zu geben.

Als ich ?ber das Erlebnis mit meinem Sohn nachgedacht habe, das so viele Jahre zur?ckliegt, hat es mir neue Einsichten verschafft und vielleicht sogar ein tieferes Verst?ndnis f?r die Gr??e und die Herrlichkeit des S?hnopfers. Ich habe gr??ere Wertsch?tzung daf?r, was ein Vater bereit war, seinen Sohn durchmachen zu lassen – f?r mich und f?r jeden von uns. Ich lernte besser verstehen, wie tief und umfassend das S?hnopfer ist. Ich konnte mir nicht vorstellen, meinen Sohn aus freien St?cken auch nur so geringf?gig leiden zu lassen – und unser Vater „hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“11.

Wir haben zwar nie dar?ber gesprochen, aber auch mein Sohn hat nun die Gelegenheit, folgende Aussage des Erretters sch?tzen zu lernen: „Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine H?nde, deine Mauern habe ich immer vor Augen.“12

Obwohl ich nicht behaupten will, dass irgendetwas hier an das heilige S?hnopfer heranreichen kann, ist die Narbe an der Hand meines Sohnes best?ndig vor ihm und er kann, wenn er m?chte, seine Narbe als Erinnerung an die Wunden in den Handfl?chen des Erretters nutzen, die dieser wegen unserer S?nden erlitten hat. Er kann auf seine Weise die Liebe erfassen lernen, die der Erretter f?r uns empfindet und damit zum Ausdruck gebracht hat, dass er sich aus freien St?cken um unsertwillen Narben zuf?gen und sich verwunden, verunstalten und zerbrechen lie?.

Obwohl Leid uns Einsicht zu geben vermag, m?ssen wir doch vorsichtig sein und d?rfen keine Vergleiche ziehen, vielmehr m?ssen wir umso mehr Wertsch?tzung empfinden. Zwischen uns und dem Erretter wird es immer unendliche Unterschiede geben. Seine Bemerkung gegen?ber Pilatus: „Du h?ttest keine Macht ?ber mich, wenn es dir nicht ? gegeben w?re,“13 erinnert uns erneut daran, dass er sein Opfer bereitwillig und aus freien St?cken gebracht hat. Wir k?nnen niemals die Tiefe, die Au?erordentlichkeit und das Ausma? seines Leidens ertragen: „Dieses Leiden lie? selbst mich, Gott, den Gr??ten von allen, der Schmerzen wegen zittern und aus jeder Pore bluten und an Leib und Geist leiden.“14 Doch wie Nephi k?nnen wir das, was er vollbracht hat, mehr sch?tzen lernen und sp?ren, wie sein Geist uns beisteht. Wir k?nnen den Erretter wahrhaft kennen lernen, und „das ist das ewige Leben: [ihn] ? zu erkennen“15.

Ich gebe Zeugnis, dass Jesus Christus der Erretter der Welt ist, dass wir durch sein Leiden und sein S?hnopfer Vergebung unserer S?nden empfangen und ewiges Leben erlangen k?nnen. Ich lege Zeugnis von seiner Sanftmut, seiner Liebe und G?te ab. Er ist der Einziggezeugte des Vaters und hat in allem den Willen des Vaters getan. Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Gesangbuch, Nr. 89
  2. 1 Nephi 19:9
  3. Siehe LuB 19:16-19
  4. R?mer 8:16,17
  5. Matth?us 27:46
  6. 1 Nephi 18:15,16
  7. 1 Nephi 19:9
  8. LuB 121:7,8.
  9. LuB 122:7,8.
  10. Siehe Alma 7:11,12
  11. Johannes 3:16
  12. Jesaja 49:16
  13. Johannes 19:11
  14. LuB 19:18
  15. Johannes 17:3