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176th Semiannual General Conference, October 2006

Das Priestertumskollegium

Elder Henry B. Eyring
vom Kollegium der Zw?lf Apostel

Die St?rke eines Kollegiums h?ngt in gro?em Ma?e davon ab, wie sehr seine Mitglieder in Rechtschaffenheit eins sind.

Ich bin dankbar, dass ich mit Ihnen an dieser gro?artigen Priestertumsversammlung teilnehmen kann. Wir alle sind Mitglied eines Priestertumskollegiums. Vielleicht ist das f?r Sie nicht weiter bemerkenswert, aber f?r mich ist es das schon. Ich wurde in einem winzigen Zweig der Kirche zum Diakon im Aaronischen Priestertum ordiniert. Es gab nur eine einzige Familie im Zweig. Ein Gemeindehaus hatten wir nicht. Wir versammelten uns bei uns zu Hause. Ich war der einzige Diakon und mein Bruder der einzige Lehrer.

Ich wei? daher, wie es ist, allein das Priestertum auszu?ben, ohne mit anderen in einem Kollegium zu dienen. Ich war in diesem kleinen Zweig auch ohne Kollegium zufrieden. Ich konnte ja gar nicht wissen, was ich vers?umte. Und dann zog meine Familie quer ?ber einen Kontinent – dorthin, wo es viele Priestertumstr?ger und starke Kollegien gab.

Ich lernte im Laufe der Jahre, dass nicht die Anzahl der Priestertumstr?ger die St?rke des Kollegiums ausmacht. Auch ergibt sie sich nicht automatisch aus Alter und Reife der Mitglieder. Vielmehr h?ngt die St?rke eines Kollegiums in gro?em Ma?e davon ab, wie sehr seine Mitglieder in Rechtschaffenheit eins sind. Das Einssein in einem starken Priestertumskollegium l?sst sich mit nichts vergleichen, was ich je in einer Sportmannschaft, einem Verein oder sonst einer Organisation auf Erden erlebt habe.

Die Worte Almas, die im Buch Mosia aufgezeichnet sind, beschreiben wohl am ehesten dieses Einssein, das ich in sehr starken Priestertumskollegien versp?rt habe:

„Und er gebot ihnen, sie sollten keinen Streit untereinander haben, sondern sie sollten eines Sinnes vorw?rtsblicken, einen Glauben und eine Taufe haben und ihre Herzen in Einigkeit und gegenseitiger Liebe verbunden haben.“1

Alma erkl?rte den Menschen auch, wie sie dieses Einssein erreichen konnten. Er sagte ihnen, „sie sollten nichts predigen als nur Umkehr und Glauben an den Herrn, der sein Volk erl?st hat“.2

Was Alma hier lehrt und was auf jedes mir bekannte Priestertumskollegium zutrifft, das diese Einigkeit aufweist, ist, dass sich das Herz der Mitglieder durch das S?hnopfer Christi wandelt. Auf diese Weise werden ihre Herzen in gegenseitiger Liebe verbunden.

Nun verstehen wir, weshalb der Herr die Kollegiumspr?sidenten beauftragt, so zu f?hren, wie er selbst f?hrt. In Abschnitt 107 des Buches Lehre und B?ndnisse verwendet er fast dieselben W?rter, um die Pflichten des Pr?sidenten eines jeden Kollegiums zu beschreiben. Der Pr?sident des Diakonskollegiums hat die Kollegiumsmitglieder ihre Pflichten zu lehren, „wie es gem?? den B?ndnissen angegeben ist“.3 Der Pr?sident des Lehrerkollegiums hat dessen Mitglieder ihre Pflichten zu lehren, „wie in den B?ndnissen angegeben“.4 Dem Pr?sidenten des Priesterkollegiums – dies ist der Bischof – wird geboten, „?ber achtundvierzig Priester zu pr?sidieren und mit ihnen zu Rate zu sitzen, sie die Pflichten ihres Amtes zu lehren, wie es in den B?ndnissen angegeben ist“.5

Der ?ltestenkollegiumspr?sident erh?lt folgenden Auftrag:

„Weiter, die Pflicht des Pr?sidenten ?ber das Amt der ?ltesten ist es, ?ber sechsundneunzig ?lteste zu pr?sidieren und mit ihnen zu Rate zu sitzen und sie gem?? den B?ndnissen zu belehren.“6

Es ist leicht zu verstehen, warum Gott will, dass seine Kollegien „gem?? den B?ndnissen“ unterwiesen werden. B?ndnisse sind feierliche Versprechen. Der himmlische Vater hat uns allen ewiges Leben verhei?en, wenn wir B?ndnisse eingehen und sie halten. Wir empfangen beispielsweise das Priestertum mit dem B?ndnis, dem Herrn treu bei seinem Werk zu helfen. Die Menschen, die wir taufen und die so zu Mitgliedern der Kirche werden, versprechen, Glauben an Jesus Christus zu haben, umzukehren und seine Gebote zu halten. Jedes B?ndnis erfordert Glauben an Jesus Christus und Gehorsam gegen?ber seinen Geboten; nur dann kann uns vergeben und kann unser Herz rein gemacht werden – was beides n?tig ist, wenn wir ewiges Leben, die gr??te aller Gaben Gottes, ererben wollen.

Sie fragen sich vielleicht: Bedeutet das, dass jeder Unterricht im Kollegium nur von Glauben und Umkehr handeln darf? Nat?rlich nicht. Aber es bedeutet, dass der Lehrer und alle Teilnehmer immer den Wunsch haben m?ssen, den Geist des Herrn in das Herz der Anwesenden zu bringen, damit dadurch Glauben und die Entschlossenheit, umzukehren und rein zu werden, bewirkt werden.

Und dieser Wunsch geht ?ber die W?nde des Raumes, in dem sich das Kollegium trifft, hinaus. In einem Kollegium, das wahrhaftig eins ist, erstreckt sich dieser Wunsch auf alle Kollegiumsmitglieder, ganz gleich, wo sie sich gerade befinden.

Dies habe ich vor einigen Jahren in einem Diakonskollegium erlebt, das zu unterrichten ich berufen war. Ein paar Diakone kamen hin und wieder nicht zu den Kollegiumsversammlungen. Mir war bewusst, dass in diesem Kollegium – wie in jedem anderen Kollegium auch – der Pr?sident, der die Schl?ssel innehatte, f?r den Unterricht zust?ndig ist. Es war seine Aufgabe, mit allen zu Rate zu sitzen. Daher habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, den Rat dessen einzuholen, der von Gott beauftragt war, und ihn zu fragen: Was meinst du, was ich lehren soll? Worum soll ich mich bem?hen?

Ich lernte, seinen Rat zu befolgen, weil ich wusste, dass Gott ihm die Verantwortung daf?r ?bertragen hatte, dass die Mitglieder seines Kollegiums unterwiesen wurden. Eines Sonntags erlebte ich, dass Gott diesen Auftrag einem jungen Kollegiumspr?sidenten erteilt hatte. Ich unterrichtete gerade die Diakone. Mir fiel ein leerer Stuhl auf. Auf dem Stuhl befand sich ein Aufnahmeger?t, und ich konnte sehen, dass es lief. Nach dem Unterricht nahm der Junge, der neben dem leeren Stuhl gesessen hatte, den Rekorder an sich. Als er Anstalten machte, den Raum zu verlassen, fragte ich ihn, warum er den Unterricht aufgezeichnet hatte. Er l?chelte und erkl?rte, dass ein anderer Diakon ihm gesagt habe, dass er an diesem Tag nicht im Kollegium sein werde. Er wolle nun den Rekorder seinem Freund nach Hause bringen, damit dieser sich unseren Unterricht anh?ren k?nne.

Ich hatte Vertrauen in die Verantwortung gehabt, die dem jungen Kollegiumspr?sidenten ?bertragen worden war, und so kam Hilfe vom Himmel. Der Geist hatte die Mitglieder in jenem Raum ber?hrt und einen von ihnen zu einem Freund gesandt, um dessen Glauben zu st?rken und ihn zur Umkehr zu f?hren. Der Diakon mit dem Rekorder war gem?? den B?ndnissen unterwiesen worden und bem?hte sich nun um seinen Freund aus dem Kollegium.

Die Mitglieder der Priestertumskollegien lernen aber nicht nur durch den Unterricht in der Klasse, sondern auch auf andere Weise. Das Kollegium ist eine Einheit zum Dienen, und die Mitglieder lernen, indem sie dienen. Das Kollegium kann mehr und besser dienen als jedes seiner Mitglieder allein. Diese Macht ist mehr als die Zahl der Kollegiumsmitglieder zusammen. Jedes Kollegium wird von jemandem gef?hrt, der dazu bevollm?chtigt und daf?r verantwortlich ist, den Dienst im Priestertum zu leiten. Ich habe erlebt, welche Macht entsteht, wenn Kollegien zu einem Katastropheneinsatz gebeten werden. Immer wieder h?re ich, wie Menschen au?erhalb der Kirche ihre ?berraschung und Bewunderung dar?ber zum Ausdruck bringen, wie effizient die Zusammenarbeit bei solchen Hilfsma?nahmen ist. Es erscheint ihnen wie ein Wunder. Wann immer das Priestertum dient, zeigt sich das Wunder seiner Macht deshalb, weil F?hrungskr?fte und Mitglieder die Vollmacht derjenigen anerkennen, die den Dienst in den Priestertumskollegien in aller Welt leiten.

Wunder der Macht k?nnen entstehen, wenn das Kollegium sich anderen zuwendet, um ihnen zu dienen. Sie entstehen auch, wenn das Kollegium durch das Priestertum den Mitgliedern in seinen eigenen Reihen dient. Der Pr?sident eines Diakonskollegiums traf sich fr?h an einem Sonntag vor der Kollegiumsversammlung mit seinen Ratgebern und dem Kollegiumssekret?r. Nachdem sie im Rat gebeterf?llt ?berlegt hatten, f?hlte er sich inspiriert, einen Diakon damit zu beauftragen, einen anderen Diakon, der noch nie erschienen war, zur n?chsten Kollegiumsversammlung einzuladen. Er wusste, dass der Vater des Diakons, der noch nie erschienen war, nicht der Kirche angeh?rte und dass seine Mutter kaum an der Kirche interessiert war.

Der dazu eingeteilte Diakon nahm den Auftrag seines Pr?sidenten an und sprach den Jungen an. Er besuchte ihn. Ich sah zu, wie er fortging. Er z?gerte ein wenig, als liege eine schwere Aufgabe vor ihm. Der Junge, den er einlud, mit ihm ins Kollegium zu kommen, kam auch ein paar Mal, dann zog die Familie weg. Viele Jahre sp?ter war ich auf einer Pfahlkonferenz – tausende Kilometer entfernt von dem Ort, wo dieses Diakonskollegium zusammengekommen war. Zwischen den Konferenzversammlungen kam ein mir unbekannter Mann auf mich zu und wollte wissen, ob ich jemand Bestimmten kenne. Er nannte mir den Namen. Es war der Junge, der vom Pr?sidenten seines Diakonskollegiums damit beauftragt worden war, einem verlorenen Schaf hinterherzulaufen und sich um es zu k?mmern. Der Mann fragte mich: „W?rden Sie ihm meinen Dank ausrichten? Ich bin der Gro?vater des Jungen, den er vor Jahren in das Diakonskollegium eingeladen hat. Er ist jetzt erwachsen. Aber er erz?hlt mir immer noch von dem Diakon, der ihn eingeladen hat, mit ihm zur Kirche zu gehen.“

Er hatte Tr?nen in den Augen und ich nicht minder. Ein junger Kollegiumspr?sident war inspiriert worden, sich um ein verlorenes Mitglied seines Kollegiums zu k?mmern. Er war inspiriert worden, einen Jungen mit dem Auftrag zu dienen loszuschicken. Dieser Pr?sident hat das getan, was der Herr getan h?tte. Und gleichzeitig schulte dieser junge Pr?sident einen neuen Priestertumstr?ger in seiner Aufgabe, anderen gem?? den B?ndnissen zu dienen. Herzen wurden miteinander verbunden, die jetzt noch verbunden sind – mehr als zwanzig Jahre sp?ter und ?ber tausende Kilometer hinweg. Die Einheit im Kollegium ist von Dauer, wenn sie im Dienste des Herrn und auf die Weise des Herrn geschmiedet wird.

Eines der Markenzeichen eines starken Kollegiums ist das Gemeinschaftsgef?hl. Man k?mmert sich umeinander. Man hilft einander. Der Kollegiumspr?sident kann dieses Gemeinschaftsgef?hl am besten f?rdern, wenn er bedenkt, weshalb der Herr ein Kollegium haben m?chte, das einig ist. Nat?rlich soll man einander helfen. Aber es geht um mehr, viel mehr. Man soll einander erbauen und ermutigen, in Rechtschaffenheit mit dem Herrn gemeinsam in seinem Werk zu dienen, n?mlich den Kindern des himmlischen Vaters das ewige Leben anzubieten.

Wenn wir dies verstehen, ?ndert sich die Weise, wie wir versuchen, im Kollegium Gemeinschaft aufzubauen. Es kann beispielsweise sogar die Art und Weise ?ndern, wie ein Lehrerkollegium Basketball spielt. Die Mitglieder erhoffen sich vielleicht eher eine starke Gemeinschaft und nicht so sehr den Sieg. Sie k?nnten beschlie?en, einen Jungen einzuladen, der immer ?bergangen wird, weil er nicht besonders gut spielt. Wenn er die Einladung annimmt und kommt, werden die Kollegiumsmitglieder den Ball einander wahrscheinlich etwas ?fter zuspielen, vor allem dem Jungen, der wahrscheinlich keine Punkte macht. In zwanzig Jahren werden sie wohl kaum mehr wissen, wer an jenem Abend gewonnen hat, aber sie werden sich immer daran erinnern, wie sie zusammengespielt haben und warum ? und in wessen Mannschaft sie waren. Der Herr hat gesagt: „Wenn ihr nicht eins seid, dann seid ihr nicht mein.“7

Wenn das ?ltestenkollegium begreift, warum der Herr diese Gemeinschaft haben will, kann sich das auch auf die Art und Weise, wie Aktivit?ten geplant werden, auswirken. Ich bin auf einer Feier gewesen, die ein Neubekehrter geplant hatte. Das Sch?nste in seinem Leben war, dass er das Evangelium kennengelernt hatte. Daher wurden Nachbarn und Freunde, die noch keine Mitglieder der Kirche waren, eingeladen. Ich kann mich noch daran erinnern, welches Gemeinschaftsgef?hl dort herrschte, als wir uns mit diesen Leuten dar?ber unterhielten, was uns die Kirche bedeutet. Ich versp?rte dort mehr als meine Verbundenheit mit den Br?dern im Priestertum. W?hrend seines irdischen Wirkens hatte der Herr seine J?nger mit folgenden Worten in das erste Kollegium der Zw?lf berufen: „Folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“8 Und so hatte ich an jenem Abend bei einer Party das Gef?hl, Gemeinschaft mit dem Herrn und seinen J?ngern zu haben – ich sp?rte, wie wir zu dem werden, was er von uns erwartet.

Als ich im Aaronischen Priestertum war, wurde mir durch einen Priestertumsf?hrer dasselbe Gemeinschaftsgef?hl vermittelt. Er wusste, wie man eine Priestertumsgemeinschaft aufbaut, die von Dauer sein kann. Er organisierte mit dem Eigent?mer eines Waldst?cks einen Nachmittag, an dem wir Holz schlugen und es b?ndelten. Die B?ndel waren f?r Witwen, damit sie im kalten Winter Feuer hatten. Ich kann mich immer noch an das warme Gemeinschaftsgef?hl erinnern, das mich mit meinen Br?dern im Priestertum verband. Aber noch viel st?rker ist die Erinnerung an das, was ich damals empfand: Ich tue das, was der Erretter tun w?rde. Und daher versp?rte ich Gemeinschaft mit ihm. Wir k?nnen diese kostbare Gemeinschaft in unseren Kollegien in diesem Leben aufbauen und dann f?r immer haben – in Herrlichkeit und in Familien, sofern wir gem?? den B?ndnissen leben.

Ich bete darum, dass Sie die Aufforderung des Herrn annehmen, in unseren Priestertumskollegien eins und einig zu werden. Er hat den Weg abgesteckt. Und er hat uns verhei?en, dass aus guten Kollegien mit seiner Hilfe gro?artige Kollegien werden k?nnen. Das ist es, was er sich f?r uns w?nscht. Ich wei?, dass er st?rkere Kollegien braucht, um die Kinder des himmlischen Vaters gem?? den B?ndnissen zu segnen. Und ich glaube, dass er st?rkere Kollegien bekommen wird.

Ich wei?, dass der himmlische Vater lebt. Ich wei?: Sein Sohn, Jesus Christus, hat f?r unsere S?nden und f?r die S?nden eines jeden, dem wir begegnen, ges?hnt. Er ist auferstanden. Er lebt. Er f?hrt seine Kirche. Er hat die Schl?ssel des Priestertums inne. Er beruft jeden einzelnen Pr?sidenten eines jeden Priestertumskollegiums durch Inspiration, die denen zuteil wird, die in der Kirche die Schl?ssel innehaben. Ich bezeuge, dass das Priestertum mit all seinen Schl?sseln wiederhergestellt und Joseph Smith ?bertragen worden ist. Und ich gebe feierlich Zeugnis, dass diese Schl?ssel bis heute weitergegeben wurden, n?mlich an den Pr?sidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, der der Pr?sident des Priestertums auf der ganzen Erde ist.

Dies bezeuge ich im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Mosia 18:21
  2. Mosia 18:20
  3. LuB 107:85
  4. LuB 107:86
  5. LuB 107:87
  6. LuB 107:89
  7. LuB 38:27
  8. Matth?us 4:19