176th Semiannual General Conference, October 2006

Dem uns anvertrauten Priestertum treu

Pr?sident Thomas S. Monson
Erster Ratgeber in der Ersten Pr?sidentschaft

Durch Tun ? und nicht durch Tr?umen ? werden die Menschen gesegnet und gef?hrt und werden Menschenseelen errettet.

Vor ein paar Wochen beobachtete ich bei einer Fast- und Zeugnisversammlung in unserer Gemeinde, wie ein kleiner Junge in der letzten Bank allen Mut zusammennahm, um sein Zeugnis zu geben. Drei oder vier Mal war er schon aufgestanden und musste sich immer wieder hinsetzen. Schlie?lich war er an der Reihe. Er stellte seine kleinen Schultern gerade, ging tapfer den Gang vor zum Podium, erklomm zwei Stufen hinauf zum Pult, machte einen Schritt nach vorn und legte seine H?nde auf das Pult, blickte in die Versammlung, l?chelte ? und drehte sich dann wieder um, ging die zwei Stufen wieder hinunter und den Gang wieder zur?ck zu Mutter und Vater. Als ich Sie heute Abend in diesem riesigen Konferenzzentrum gessehen habe und an diejenigen dachte, die uns zuh?ren, wurde mir das Verhalten dieses kleinen Jungen wesentlich verst?ndlicher.

Liebe Br?der, es freut mich, heute Abend zu Ihnen sprechen zu d?rfen. Ich habe dar?ber nachgedacht, was ich Ihnen sagen k?nnte. Dabei ist mir eine Lieblingsschriftstelle aus Kohelet in den Sinn gekommen: ?Hast du alles geh?rt, so lautet der Schluss: F?rchte Gott und achte auf seine Gebote! Das allein hat jeder Mensch n?tig.? (Kohelet 12:13.) Diese Pflicht gilt es zu erf?llen.

Der legend?re General Robert E. Lee aus dem amerikanischen B?rgerkrieg hat gesagt: ?Pflicht ist das erhabenste Wort unserer Sprache. ? Mehr kann man nicht tun. Weniger darf man nicht tun wollen.? (In John Bartlett, Familiar Quotations, Seite 620.)

Jedem von uns sind in Zusammenhang mit dem heiligen Priestertum, das wir tragen, Pflichten auferlegt. Ob wir das Aaronische oder das Melchisedekische Priestertum tragen ? von uns allen wird viel erwartet. Der Herr selbst hat unsere Pflicht in der Offenbarung ?ber das Priestertum in wenigen Worten zusammengefasst: ?Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt aus?ben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.? (LuB 107:99.)

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass jeder Junge Mann, der das Priestertum empf?ngt, dieses Priestertum in Ehren h?lt und das Vertrauen rechtfertigt, das man bei der ?bertragung des Priestertums in ihn gesetzt hat.

Vor 51 Jahren h?rte ich William J. Critchlow Jr., den damaligen Pr?sidenten des Pfahls Ogden S?d, der sp?ter Assistent des Kollegiums der Zw?lf wurde, in der allgemeinen Priestertumsversammlung zu den Br?dern sprechen. Er erz?hlte eine Geschichte, in der es um Vertrauen, Ehre und Pflicht ging. Ich m?chte Ihnen heute diese Geschichte erz?hlen, denn heute wie damals k?nnen wir Grundlegendes daraus lernen:

Der junge Rupert stand am Stra?enrand und sah ungew?hnlich viele Leute vor?berhasten. Schlie?lich erblickte er einen seiner Freunde. ?Wo laufen denn all die Leute so eilig hin??, fragte er.

Der Freund blieb stehen. ?Ja, hast du?s denn nicht geh?rt??, fragte er.

?Ich habe nichts geh?rt?, sagte Rupert.

?Nun ja?, fuhr der Freund fort, ?der K?nig hat seinen Smaragd verloren. Gestern war er auf einer Hochzeitsfeier des Adels, und da trug er den Smaragd an einer d?nnen Goldkette um den Hals. Irgendwie hat sich der Smaragd von der Kette gel?st. Alle suchen jetzt danach, weil der K?nig dem Finder eine hohe Belohnung versprochen hat. Komm, wir m?ssen uns beeilen!?

Rupert z?gerte. ?Aber ich muss erst meine Gro?mutter fragen.?

?So lange kann ich nicht warten. Ich will den Smaragd finden?, entgegnete sein Freund.

Rupert rannte zur H?tte am Waldrand zur?ck, um seine Gro?mutter um Erlaubnis zu bitten. ?Wenn ich den Stein finde, k?nnten wir aus dieser feuchten H?tte ausziehen und uns ein St?ck Land oben am H?gel kaufen?, beschwor er seine Gro?mutter.

Doch Gro?mutter sch?ttelte den Kopf. ?Und was ist mit den Schafen??, fragte sie. ?Schon jetzt sind sie ganz unruhig in ihrem Pferch und wollen auf die Weide. Und vergiss nicht, sie zum Wasser zu f?hren, wenn die Sonne hoch am Himmel steht.?

Betr?bt f?hrte Rupert die Schafe auf die Weide, und zu Mittag brachte er sie zum Bach im Wald. Dort setzte er sich am Wasser auf einen gro?en Stein. ?Ach, k?nnte ich doch auch nach dem Smaragd des K?nigs suchen?, dachte er. Er senkte den Blick hinunter zum sandigen Bachbett. Pl?tzlich starrte er gebannt ins Wasser. Was war das? Das konnte doch gar nicht sein! Er sprang ins Wasser, und seine Finger umschlossen etwas Gr?nes mit einem kleinen St?ck einer gerissenen Goldkette. ?Der Smaragd des K?nigs!?, rief er. ?Die Kette muss gerissen sein, als der K?nig im Galopp ?ber die Br?cke weiter oben geritten ist. Und die Str?mung hat sie dann hierher getrieben.?

Mit leuchtenden Augen rannte Rupert zur H?tte der Gro?mutter, um ihr von seinem Fund zu erz?hlen. ?Gratuliere, mein Junge?, sagte sie, ?aber du h?ttest das nie gefunden, wenn du nicht deine Pflicht getan und die Schafe geh?tet h?ttest.? Und Rupert wusste, dass es so war. (Herbst-Generalkonferenz 1955;? Absatzeinteilung usw. ge?ndert.)

Die Lehre aus dieser Geschichte l?sst sich in dem bekannten Spruch zusammenfassen: ?Tu deine Pflicht ? das ist das Beste; das ?brige ?berlass dem Herrn.? (Henry Wadsworth Longfellow, ?The Legend Beautiful?, in The Complete Poetical Works of Longfellow, Seite 258.)

Ihnen, die Sie Pr?sident eines Kollegiums sind oder waren, m?chte ich sagen: Ihre Pflicht endet nicht am Tag Ihrer Entlassung. Die Beziehung zu den Mitgliedern Ihres Kollegiums, Ihre Verpflichtung ihnen gegen?ber besteht ein Leben lang weiter.

Als ich Lehrer im Aaronischen Priestertum war, wurde ich als Kollegiumspr?sident berufen. Mit Hilfe und auf Dr?ngen eines engagierten, inspirierten Beraters arbeitete ich eifrig daran, dass jeder Junge Mann regelm??ig die Versammlungen besuchte. Bei zwei Jungen M?nnern war das nicht ganz so einfach, doch mit Ausdauer und Liebe und etwas ?berzeugungskraft bewegten wir sie schlie?lich dazu, zu den Versammlungen zu kommen und sich an den Aktivit?ten des Kollegiums zu beteiligen. Doch dann zogen sie aus der Gemeinde weg, um zu studieren und zu arbeiten, und beide wurden wieder inaktiv.

Im Lauf der Zeit habe ich diese beiden lieben Freunde oftmals wiedergesehen. Und dann habe ich ihnen stets die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: ?Ich bin noch immer dein Kollegiumspr?sident, und ich lasse nicht locker. Du bedeutest mir viel, und ich m?chte, dass du dich der Segnungen erfreust, die man bekommt, wenn man in der Kirche aktiv ist.? Die beiden wissen, dass mir viel an ihnen liegt und dass ich sie niemals aufgeben werde.

Wir, die wir das Melchisedekische Priestertum tragen, haben st?ndig die Gelegenheit, unsere Berufung gro? zu machen. Wir sind die Hirten, die ?ber Israel wachen. Die hungrigen Schafe blicken auf und wollen mit dem Brot des Lebens gen?hrt werden.

Vor vielen Jahren durfte ich eines Abends zu Halloween jemandem beistehen, der vor?bergehend den Weg verloren hatte und einer helfenden Hand bedurfte, um zur?ckzukehren. Ich fuhr ziemlich sp?t vom B?ro nach Hause. Ich hatte mich vor Halloween gedr?ckt und meiner Frau die Besucher ?berlassen, die an die T?r klopften. Als ich am St.-Markus-Krankenhaus in Salt Lake City vorbeikam, fiel mir ein, dass ein guter Bekannter namens Max genau dort einquartiert worden war. Ich kannte ihn seit Jahren, und wir hatten festgestellt, dass wir in derselben Gemeinde aufgewachsen waren, allerdings nicht zur gleichen Zeit. Als ich zur Welt kam, waren Max und seine Eltern bereits weggezogen.

An jenem Abend zu Halloween also fuhr ich auf den Parkplatz und ging ins Krankenhaus. Ich fragte an der Rezeption nach seiner Zimmernummer, und dort sagte man mir, dass Max dem Krankenhaus auf die Frage nach seiner Religion eine andere Kirche als die unsere genannt hatte.

Ich ging in Max? Zimmer und begr??te ihn. Ich sagte ihm, es sei sch?n, dass wir einander kennen, und ich sagte ihm, dass mir wirklich viel an ihm liegt. Ich sprach ?ber seine Laufbahn bei der Bank und seine Nebent?tigkeiten als Orchesterleiter. Es stellte sich heraus, dass er an etwas, was ihm jemand gesagt hatte, Ansto? genommen und deswegen beschlossen hatte, eine andere Kirche zu besuchen. Ich sagte zu ihm: ?Max, du tr?gst das Melchisedekische Priestertum. Ich m?chte dir heute gern einen Segen geben.? Er war einverstanden, und ich gab ihm einen Segen. Danach teilte er mir mit, dass seine Frau, Bernice, ebenfalls schwer krank auf derselben Station lag. Ich bat Max, doch mitzugehen und ihr mit mir gemeinsam einen Segen zu geben. Er bat mich, ihm dabei zu helfen. Ich assistierte ihm. Er salbte seine Frau. Tr?nen flossen, und wir umarmten uns alle, als ich die Salbung zusammen mit Max siegelte und er seiner Frau gemeinsam mit mir die H?nde auflegte. Diesen Halloween-Abend haben wir nie vergessen.

Auf dem Weg nach drau?en schaute ich noch bei der Rezeption vorbei und sagte, dass Max und seine Frau darum ersuchten, dass ihre Religionszugeh?rigkeit auf Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ge?ndert wurde. Ich wartete und schaute zu, bis die ?nderung vermerkt war.

Meine Freunde Max und Bernice sind nun beide schon auf der anderen Seite des Schleiers, doch in ihren letzten Lebensjahren waren sie gl?cklich und in der Kirche aktiv und erfreuten sich der Segnungen, die mit einem Zeugnis vom Evangelium und dem Besuch der Versammlungen einhergehen.

Br?der, unsere Aufgabe ist es, denen die Hand zu reichen, die ? aus welchem Grund auch immer ? unserer Hilfe bed?rfen. Das l?sst sich auch schaffen. Da wir im Auftrag des Herrn handeln, haben wir auch ein Anrecht auf seine Hilfe. Aber wir m?ssen uns bem?hen. Aus dem B?hnenst?ck Shenandoah stammt dieser inspirierende Satz: ?Wenn wir es nicht versuchen, dann tun wir nichts, und wenn wir nichts tun, wozu sind wir dann da?? Wir haben die Pflicht, so zu leben, dass wir, wenn wir darum gebeten werden, einen Priestertumssegen zu geben oder sonst wie Hilfe zu leisten, dies w?rdig tun k?nnen. Es stimmt schon: Den Folgen seines Einflusses kann keiner entrinnen. Wir m?ssen sicherstellen, dass unser Einfluss stets positiv und erbaulich ist.

Sind unsere H?nde sauber? Ist unser Herz rein? Wenn wir einen Blick zur?ck in die Geschichte werfen, so k?nnen wir vom sterbenden K?nig Darius eine Lektion in Bezug auf W?rdigkeit lernen. Darius war mit einem f?rmlichen Ritual als rechtm??iger K?nig von ?gypten anerkannt worden. Sein Rivale, Alexander der Gro?e, war zum legitimen Sohn Amons ausgerufen worden. Auch er war Pharao. Alexander, der den geschlagenen Darius sterbend vorfand, legte ihm zur Heilung die H?nde auf und gebot ihm, sich zu erheben und sein K?nigtum wieder an sich zu nehmen. Er schloss mit den Worten: ?Ich schw?re dir, Darius, bei allen G?ttern, dass ich dies wahrhaftig und ohne Falsch tue.?

Darius erwiderte mit einem sanften Tadel: ?Alexander, mein Junge, ? meinst du, du k?nntest den Himmel mit diesen, deinen H?nden ber?hren?? (Nach Hugh Nibley, Abraham in Egypt, Seite 192.)

Still und leise kann der Ruf der Pflicht an uns Priestertumstr?ger ergehen, wenn wir unsere Aufgaben erf?llen. Pr?sident George Albert Smith, dieser bescheidene und doch so t?chtige F?hrer, der achte Pr?sident der Kirche, hat gesagt: ?Ihre Pflicht besteht vor allem darin zu erfahren, was der Herr will, und dann Ihre Berufung vor Ihren Mitmenschen mit der Macht und Kraft Ihres heiligen Priestertums auf eine Weise gro? zu machen, dass die Leute Ihnen gern folgen.? (Fr?hjahrs-Generalkonferenz 1942.)

Und wie macht man seine Berufung gro?? Einfach dadurch, dass man die Aufgaben erf?llt, die zu der Berufung geh?ren.

Br?der, durch Tun ? und nicht durch Tr?umen ? werden die Menschen gesegnet und gef?hrt und werden Menschenseelen errettet. ?H?rt das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betr?gt ihr euch selbst?, sagt Jakobus. (Jakobus 1:22.)

M?gen wir, die wir heute Abend in dieser Priestertumsversammlung beisammen sind, uns erneut anstrengen, um die F?hrung des Herrn in unserem Leben zu verdienen. So viele Menschen auf der Welt flehen und beten um Hilfe! Es gibt Mutlose, die zur?ckkehren m?chten und doch nicht wissen, wo sie beginnen sollen.

Ich finde, dieser Ausspruch ist wahr: ?Gottes reichster Segen str?mt immer aus der Hand derer, die ihm hier unten dienen.? (Whitney Montgomery, ?Revelation?, in Best-Loved Poems of the LDS People, Hg. Jack M. Lyon u. a., Seite 283.) Lassen Sie uns hilfsbereite H?nde haben, reine H?nde, bereitwillige H?nde, damit wir dabei mithelfen k?nnen, dass andere Menschen das empfangen, was der himmlische Vater ihnen geben m?chte.

Ich schlie?e mit einem Beispiel aus meinem Leben. Ich hatte einmal einen lieben Freund, der wohl mehr Schwierigkeiten und Entt?uschungen im Leben erfuhr, als er ertragen konnte. Schlie?lich lag er todkrank im Krankenhaus. Ich wusste nicht, dass er dort war.

Meine Frau und ich besuchten dieses Krankenhaus, um jemand anderen zu besuchen, der sehr krank war. Als wir aus dem Geb?ude kamen und zum Parkplatz gingen, wo unser Auto stand, hatte ich den deutlichen Eindruck, ich solle zur?ckgehen und mich erkundigen, ob mein Freund Hyrum vielleicht noch als Patient hier sei. An der Rezeption wurde mir best?tigt, dass Hyrum tats?chlich schon seit Wochen hier im Krankenhaus lag.

Wir gingen zu seinem Zimmer, klopften an und ?ffneten die T?r. Auf das, was wir dann sahen, waren wir nicht gefasst. ?berall hingen ganze Str?u?e von Luftballons. An der Wand hing ein gro?es Schild, auf dem ?Herzlichen Gl?ckwunsch zum Geburtstag, Papa!? stand. Hyrum sa? in seinem Krankenbett, und seine Familie war bei ihm. Als er uns sah, sagte er: ?Nanu, Bruder Monson, wie um alles in der Welt haben Sie denn erfahren, dass ich Geburtstag habe?? Ich l?chelte und lie? die Frage offen.

Diejenigen im Zimmer, die das Melchisedekische Priestertum trugen, umringten ihren Vater und Gro?vater, meinen Freund, und er empfing einen Priestertumssegen.

Wir l?chelten dann dankbar unter Tr?nen, wir umarmten einander, und ich lehnte mich zu Hyrum hin?ber und sagte leise: ?Denk an die Worte des Herrn, denn sie werden dich st?tzen. Er hat verhei?en: ?Ich werde euch nicht als Waisen zur?cklassen, sondern ich komme wieder zu euch.?? (Johannes 14:18.)

Die Zeit vergeht. Die Pflicht h?lt Schritt. Sie bleibt bestehen und vergeht nicht. Katastrophale Konflikte kommen und gehen, doch der Kampf um die Seelen der Menschen tobt unvermindert weiter. Einem Schlachtruf gleich ergeht das Wort des Herrn an Sie und mich und an die Tr?ger des Priestertums ?berall. Ich stimme mit ein: ?Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt aus?ben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.? (LuB 107:99.)

Br?der, lernen wir unsere Pflicht. Bleiben wir stets w?rdig f?r diese Aufgaben und treten wir dabei in die Fu?stapfen des Meisters. Als n?mlich der Ruf der Pflicht an ihn erging, sagte er: ?Vater, dein Wille geschehe, und die Herrlichkeit sei dein immerdar.? (Mose 4:2.) M?gen wir ebenso handeln. Darum bitte ich dem?tig im Namen Jesu Christi, des Herrn. Amen.