Pr?sident Gordon B. Hinckley
Meine Br?der und Schwestern, lassen Sie mich zun?chst eine pers?nliche Bemerkung machen.
Der Pr?sident der Kirche geh?rt der ganzen Kirche. Sein Leben geh?rt nicht ihm selbst. Es ist seine Aufgabe, zu dienen.
Wie Sie alle wissen, bin ich ein wenig in die Jahre geraten. Im vorigen Juni habe ich meinen 96. Geburtstag gefeiert. Ich habe von etlichen Seiten erfahren, dass betr?chtliche Spekulationen ?ber meinen Gesundheitszustand angestellt werden. Ich m?chte die Dinge richtigstellen. Wenn ich es noch ein paar Monate l?nger aushalte, werde ich bis zu einem h?heren Alter im Amt gewesen sein als jeder fr?here Pr?sident. Ich sage das nicht, um zu prahlen, sondern vielmehr aus Dankbarkeit. Im letzten Januar habe ich mich einer gr??eren Operation unterzogen ? eine leidvolle Erfahrung, besonders f?r jemanden, der nie zuvor Krankenhauspatient war. Danach stellte sich die Frage, ob ich mich einer weiteren Behandlung unterziehen solle. Ich habe mich daf?r entschieden. Meine ?rzte bezeichneten das Ergebnis als ein Wunder. Ich wei?, dass das positive Ergebnis auf Ihre vielen Gebete f?r mich zur?ckzuf?hren ist. Ich bin Ihnen sehr dankbar.
Der Herr hat mir gestattet, weiterzuleben, und ich wei? nicht, wie lange noch. Wie lange es aber auch sein mag ? ich werde weiterhin mein Bestes geben, um meine Pflicht zu erf?llen. Es ist nicht leicht, ?ber eine so gro?e, vielschichtige Kirche zu pr?sidieren. Nichts l?sst die Erste Pr?sidentschaft unbeachtet. Keine wichtige Entscheidung, keine Geldausgabe erfolgt ohne ihre Zustimmung. Die Verantwortung und die Belastung sind gro?.
Wir machen aber weiter, solange der Herr es w?nscht. Wie ich bereits im April sagte: Wir sind in seiner Hand. Ich f?hle mich wohl, bin bei einigerma?en guter Gesundheit. Wenn aber die Zeit f?r einen Nachfolger gekommen ist, geht der ?bergang reibungslos und nach dem Willen des Herrn, dessen Kirche dies ist, vonstatten. Auf diese Weise schreiten wir im Glauben voran ? und Glaube ist das Thema, wor?ber ich heute Morgen sprechen m?chte.
Von Anfang an ist diese Kirche glaubensvoll vorangeschritten. Glaube war die St?rke des Propheten Joseph Smith.
Ich bin dankbar, dass er den Glauben hatte, in dieses W?ldchen zu gehen und zu beten. Ich bin dankbar, dass er den Glauben hatte, das Buch Mormon zu ?bersetzen und zu ver?ffentlichen. Ich bin dankbar, dass er sich mit einem Gebet an den Herrn wandte, welches dadurch beantwortet wurde, dass ihm das Aaronische und das Melchisedekische Priestertum gegeben wurden. Ich bin dankbar, dass er die Kirche voller Glauben gegr?ndet und auf den rechten Weg gebracht hat. Ich danke ihm, dass er sein Leben gab, um die Wahrheit dieses Werkes zu bezeugen.
Glaube war auch die treibende Kraft in Brigham Young. Ich denke oft daran, was f?r einen gewaltigen Glauben er zeigte, als er eine so gro?e Anzahl Menschen ins Salzseetal brachte, damit sie sich hier niederlie?en. Er kannte die Gegend kaum. Er hatte sie nie zuvor gesehen ? au?er in einer Vision. Ich nehme an, er hatte sich mit den sp?rlichen Informationen, die es gab, befasst, aber ?ber den Boden oder das Wasser oder das Klima wusste er fast nichts. Und doch sagte er beim ersten Anblick, ohne zu z?gern: ?Dies ist der richtige Ort. Zieht weiter!? (B. H. Roberts, A Comprehensive History of The Church, 3:224.)
So war es bei jedem einzelnen Pr?sidenten der Kirche. Wenn sie sich f?rchterlichen Widerst?nden gegen?bersahen, gingen sie mit Glauben voran. Ob Heuschrecken die Ernte vernichteten, ob die D?rre oder ein sp?ter Frost, ob man von der Bundesregierung verfolgt wurde oder ob, wie erst vor kurzem, den Opfern eines See- oder Erdbebens oder einer ?berschwemmung an vielen verschiedenen Orten dringend humanit?re Hilfe gew?hrt werden musste ? es war immer das Gleiche. Der Wohlfahrtsdienst leerte seine Regale. Bargeld wurde zu Millionen den Bed?rftigen ?bersandt, ohne R?cksicht darauf, ob die Empf?nger Mitglieder der Kirche waren ? alles im Glauben.
In diesem Jahr begeht die Kirche einen wichtigen Gedenktag ihrer Geschichte, wie Sie alle wissen. Zum 150. Mal j?hrt sich die Ankunft der Handkarrenabteilungen Willie und Martin und der Planwagenabteilungen Hunt und Hodgett, die sie begleiteten.
Vieles ist dar?ber schon geschrieben worden, und ich brauche nicht auf die Einzelheiten einzugehen. Sie alle kennen die Geschichte. Wir k?nnen es dabei bewenden lassen, dass diejenigen, die sich von den Britischen Inseln aus auf die lange Reise ins Tal des Gro?en Salzsees begaben, ihren Weg im Glauben antraten. Sie wussten kaum oder gar nicht, worauf sie sich da einlie?en. Trotzdem zogen sie voran. Sie begannen ihren Weg voll gro?er Erwartungen. Diese Erwartungen schwanden nach und nach, je weiter sie nach Westen kamen. Als sie die anstrengende Strecke hinter dem Fluss Platte und dann das Tal des Flusses Sweetwater hinauf in Angriff nahmen, forderte die kalte Hand des Todes schrecklichen Tribut. Das Essen wurde rationiert; die Ochsen starben; die Handkarren brachen zusammen; das Bettzeug und die Kleidung waren unzureichend. St?rme tobten. Sie suchten Unterschlupf, fanden aber keinen. Das Unwetter toste um sie herum. Sie starben buchst?blich vor Hunger. Dutzende kamen um und wurden im gefrorenen Boden begraben.
Zum Gl?ck kam Franklin D. Richards auf seinem Weg von England an ihnen vorbei. Er hatte ein leichtes Pferdegespann und kam viel schneller voran. Er erreichte das Tal. Es war genau um diese Jahreszeit. Die Generalkonferenz fand gerade statt. Als Brigham Young von den Neuigkeiten erfuhr, trat er sofort vor die Versammelten und sagte:
?Ich will jetzt den Mitgliedern unser heutiges Thema nennen und den ?ltesten, die sprechen werden, den Text vorgeben. Er lautet folgenderma?en: Am 5. Oktober 1856 befinden sich viele unserer Br?der und Schwestern mit Handkarren drau?en auf der Pr?rie, wahrscheinlich sind viele von ihnen noch siebenhundert Meilen von hier entfernt. Wir m?ssen sie herbringen, und wir m?ssen ihnen Hilfe schicken. Der Text lautet: Bringt sie her! Ich m?chte, dass die Br?der, die sprechen d?rfen, verstehen: Ihr Text sind die Menschen in der Pr?rie, und das Thema f?r diese Gemeinschaft lautet: Schickt nach ihnen aus und bringt sie her, ehe der Winter einbricht. ?
Ich rufe heute die Bisch?fe herbei. Ich warte nicht bis morgen, auch nicht bis ?bermorgen. Ich brauche 60 gute Maultiergespanne und 12, 15 Wagen. Ich will keine Ochsen schicken. Ich will gute Pferde und Maultiere. Es gibt sie in diesem Territorium, und wir m?ssen sie herholen. Au?erdem 11 Tonnen Mehl und 40 gute Fuhrleute, ? 60 oder 65 gute Maultier- oder Pferdegespanne mit Harnisch ?
Ich will euch sagen, dass all euer Glaube, eure Religion und euer Glaubensbekenntnis nicht einen einzigen von euch im celestialen Reich unseres Gottes erretten werden, wenn ihr nicht genau die Grunds?tze verwirklicht, die ich euch jetzt lehre. Geht und bringt die Leute her, die jetzt noch da drau?en auf der Pr?rie sind, und haltet euch strikt an das, was wir zeitlich oder zeitliche Pflicht nennen, andernfalls wird euer Glaube vergebens sein. Die Predigten, die ihr geh?rt habt, werden f?r euch vergebens sein, und ihr werdet in die H?lle hinabfahren, wenn ihr euch nicht an das haltet, was wir euch sagen.? (Deseret News, 15. Oktober 1856, Seite 252.)
Sogleich wurden Pferde und Maultiere und starke Wagen angeboten. Man brachte Mehl im ?berfluss heran. Eilig wurden warme Kleidung und Bettzeug zusammengestellt. Innerhalb von ein, zwei Tagen zogen die Wagen voll beladen gen Osten durch den Schnee.
Als die Rettungskr?fte auf die ersch?pften Heiligen stie?en, wurden sie wie Engel aus dem Himmel angesehen. Die Leute brachen vor Dankbarkeit in Tr?nen aus. Wer mit einem Handkarren gekommen war, wurde in einen Planwagen gesetzt, damit er schneller zur Gemeinde in Salt Lake City bef?rdert werden konnte.
Etwa zweihundert waren umgekommen, aber tausend wurden gerettet.
Unter denen, die in der Pr?rie so gro?e Not gelitten hatten, befand sich die Urgro?mutter meiner Frau. Sie geh?rte der Planwagenabteilung Hunt an.
Heute schaut man vom Grab meiner Frau auf dem Friedhof von Salt Lake City auf die Grabst?tte ihrer Urgro?mutter, Mary Penfold Goble, hinab, die in den Armen ihrer Tochter starb, als sie am 11. Dezember 1856 dieses Tal erreichte. Sie wurde am folgenden Tag beigesetzt. Sie hatte auf dem langen Weg drei ihrer Kinder verloren. Eine Tochter, die ?berlebt hatte, hatte an den F??en f?rchterliche Erfrierungen davongetragen.
Was f?r eine Geschichte! Sie steckt voller Leid und Hunger und K?lte und Tod. Es wimmelt darin von Berichten ?ber eisige Fl?sse, die durchschritten werden mussten, ?ber heulende Schneest?rme, ?ber den langen, schleppenden Aufstieg die Rocky Ridge hinauf. Wenn dieses Gedenkjahr vor?ber ist, wird man vielleicht einen Gro?teil davon wieder vergessen. Hoffentlich aber wird doch immer wieder davon erz?hlt, damit k?nftige Generationen vom Leid und vom Glauben derer, die vor ihnen da waren, wissen. Dieser Glaube ist unser Verm?chtnis. Dieser Glaube erinnert uns daran, welcher Preis bezahlt wurde f?r die Annehmlichkeiten, die wir genie?en.
Glaube aber tritt nicht nur in gro?en, heldenhaften Ereignissen zutage wie in der Ankunft der Handkarren-Pioniere. Er zeigt sich auch in kleinen, aber nicht minder bedeutsamen Ereignissen. ?ber ein solches m?chte ich berichten.
Als der Manti-Utah-Tempel vor etwa 120 Jahren gebaut wurde, war George Paxman dort als Tischler besch?ftigt. Mit seiner jungen Frau, Martha, hatte er ein Kind, das zweite war unterwegs.
Als er eine der schweren Ostt?ren des Tempels einh?ngte, zog sich George einen Bauchwandbruch zu. Die Schmerzen waren schrecklich. Martha legte ihn auf einen Wagen und brachte ihn in das St?dtchen Nephi. Dort setzte sie ihn in den Zug und fuhr mit ihm nach Provo, wo er starb. Sie verzichtete auf eine weitere Ehe, blieb 62 Jahre lang Witwe und bestritt ihren Lebensunterhalt mit N?harbeiten.
Lassen Sie mich nun kurz von dieser Erz?hlung ein wenig abschweifen und etwas einf?gen. Zur Verlobung schenkte ich meiner Zuk?nftigen einen Ring. Bei der Hochzeit schenkte ich ihr noch einen Ehering dazu, und sie trug beide Ringe jahrelang. Eines Tages bemerkte ich, dass sie beide abgenommen hatte und stattdessen diesen kleinen goldenen Ehering trug. Er hatte ihrer Gro?mutter geh?rt, und die hatte den Ring von ihrem Mann, George, erhalten. Der Ring war der einzige Besitz, den er in diesem Leben hinterlassen hatte. Eines Tages machte Martha Fr?hjahrsputz. Sie r?ckte alle M?bel ab, um das Haus einmal gr?ndlich zu reinigen. Als sie die Strohmatratzen aussch?ttelte, blickte sie hinab, und der Ring war fort. Sie schaute ?berall ganz genau nach. Es war das einzige greifbare Erinnerungsst?ck von ihrem geliebten Mann. Sie fuhr mit den Fingern durch das Stroh, konnte den Ring aber nicht finden. Ihr kamen die Tr?nen. Sie ging auf die Knie und betete, dass der Herr ihr doch helfen m?ge, den Ring zu finden. Als sie die Augen wieder ?ffnete, sah sie hinab ? und da lag er!
Ich halte ihn jetzt in meiner Hand. Er ist zu klein, als dass Sie alle ihn sehen k?nnten. Er ist aus 18-kar?tigem Gold, alt, verkratzt und verbogen. Aber er steht f?r Glauben ? f?r den Glauben einer Witwe, die in ihrer Not den Herrn anflehte. Ein solcher Glaube ist der Urquell allen Tuns. Er ist die Wurzel von Hoffnung und Zuversicht. Genau diesen schlichten Glauben brauchen wir alle so sehr.
Beim Fortgang dieser gro?en Sache ist vermehrter Glaube das, was wir am meisten brauchen. Ohne ihn w?rde das Werk ins Stocken geraten. Mit ihm kann niemand seinen Fortschritt aufhalten.
Der Erretter sagte: ?Wenn euer Glaube auch nur so gro? ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: R?ck von hier nach dort!, und er wird wegr?cken. Nichts wird euch unm?glich sein.? (Matth?us 17:20.)
Seinem Sohn Helaman trug Alma auf: ?Predige ihnen Umkehr und Glauben an den Herrn Jesus Christus; lehre sie, sich zu dem?tigen und sanftm?tig und von Herzen dem?tig zu sein; lehre sie, mit ihrem Glauben an den Herrn Jesus Christus jeder Versuchung des Teufels zu widerstehen.? (Alma 37:33.)
M?ge der Herr uns in dieser gro?en Sache, an der wir teilhaben, mit Glauben segnen. M?ge Glaube uns f?hren wie eine Kerze in der Nacht mit ihrem Licht. M?ge er wie eine Wolkens?ule bei Tag vor uns herziehen.
Darum bitte ich dem?tig im heiligen Namen dessen, der die Kraft unseres Glaubens ausmacht, ja, des Herrn Jesus Christus. Amen.