176th Semiannual General Conference, October 2006

Der Sonntag kommt gewiss

Elder Joseph B. Wirthlin
vom Kollegium der Zw?lf Apostel

Aufgrund des Lebens und des ewigen Opfers des Erretters der Welt werden wir mit denen vereint werden, die uns teuer waren.

Ich bin dankbar, dass ich heute bei Ihnen sein und aus Ihrem Zeugnis Kraft sch?pfen kann. Mit Worten l?sst sich gar nicht ausdr?cken, wie dankbar ich f?r Ihre freundlichen, ermutigenden Worte bin, f?r Ihr liebevolles Interesse und Ihre Gebete.

Heute m?chte ich ein wenig in Erinnerungen schwelgen.

Ich stamme von guten Eltern. Von meinem Vater, Joseph L. Wirthlin, habe ich gelernt, wie wertvoll harte Arbeit und Mitgef?hl sind. Er war w?hrend der Weltwirtschaftskrise Bischof unserer Gemeinde. Er war aufrichtig besorgt um alle, die in Not waren. Er k?mmerte sich nicht um die Bed?rftigen, weil es seine Pflicht war, sondern weil es sein aufrichtiger Wunsch war.

Unerm?dlich sorgte er f?r all diejenigen, die litten, und tat ihnen Gutes. F?r mich war er der ideale Bischof.

Jeder, der meinen Vater kannte, wusste, wie tatkr?ftig er war. Jemand sagte mir einmal, dass er f?r drei arbeiten konnte. Nur selten verlangsamte er das Tempo. 1938 f?hrte er ein erfolgreiches Gesch?ft, da erhielt er eine Berufung vom Pr?sidenten der Kirche, Heber J. Grant.

Pr?sident Grant teilte ihm mit, dass sie an diesem Tag die Pr?sidierende Bischofschaft neu bildeten und er meinen Vater als Ratgeber von LeGrand Richards berufen wollte. Das kam f?r meinen Vater v?llig ?berraschend, und er fragte, ob er erst einmal dar?ber beten k?nne.

Pr?sident Grant sagte: „Bruder Wirthlin, ich habe nur drei?ig Minuten bis zur n?chsten Konferenzversammlung und m?chte mich gern ein wenig ausruhen. Wie lautet Ihre Antwort??

Nat?rlich stimmte mein Vater zu. Er war 23 Jahre lang in der Pr?sidierenden Bischofschaft, neun davon als Pr?sidierender Bischof der Kirche.

Mein Vater war 69 Jahre alt, als er starb. Ich war gerade bei ihm, als er pl?tzlich zusammenbrach. Kurz darauf ging er von uns.

Ich denke oft an meinen Vater. Ich vermisse ihn.

Meine Mutter, Madeline Bitner, hatte ebenfalls gro?en Einfluss auf mein Leben. In ihrer Jugend war sie eine gute Sportlerin und eine ausgezeichnete Sprinterin. Sie war immer freundlich und liebevoll, aber es war sehr anstrengend, mit ihr Schritt zu halten. Sie sagte oft: „Beeil dich!“ Wenn sie dann schneller ging, passten wir unser Tempo an. Vielleicht hatte ich deshalb beim Footballspielen diesen schnellen Antritt.

Meine Mutter stellte gro?e Erwartungen an ihre Kinder, sie erwartete von ihnen das Beste. Ich wei? noch, dass sie manchmal sagte: „Sei nicht so armselig. Das kannst du noch besser.“ Armselig war Ihre Bezeichnung f?r jemand, der faul war und sein Potenzial nicht aussch?pfte.

Meine Mutter starb, als sie 87 Jahre alt war. Ich denke oft an sie und vermisse sie mehr, als ich sagen kann.

Meine j?ngere Schwester, Judith, war Autorin, Komponistin und Erzieherin. Vieles lag ihr am Herzen – das Evangelium, Musik und Arch?ologie. Judith hatte ein paar Tage vor mir Geburtstag. Jedes Jahr gab ich ihr einen druckfrischen Ein-Dollar-Schein als Geburtstagsgeschenk. Drei Tage sp?ter schenkte sie mir 50 Cent zum Geburtstag.

Judith ist vor einigen Jahren gestorben. Ich vermisse sie und denke oft an sie.

Und damit komme ich zu meiner Frau, Elisa. Ich wei? noch, wie ich ihr das erste Mal begegnete. Um einem Freund einen Gefallen zu tun, fuhr ich zu ihrem Haus, um ihre Schwester, Frances, abzuholen. Elisa ?ffnete die T?r, und es war, zumindest f?r mich, Liebe auf den ersten Blick.

Sie muss wohl auch etwas empfunden haben, denn die ersten Worte, die ich je von ihr h?rte, waren: „Ich wusste, wer du war.“

Elisa studierte Englisch als Hauptfach.

Bis zum heutigen Tag geh?ren diese f?nf W?rter f?r mich zu den sch?nsten der menschlichen Sprache.

Sie spielte gern Tennis und hatte einen blitzschnellen Aufschlag. Ich versuchte, mit ihr Tennis zu spielen, aber ich gab schlie?lich auf, nachdem mir klar wurde, dass ich unm?glich etwas treffen konnte, was ich gar nicht sah.

Sie war meine Kraft und meine Freude. Durch sie bin ich ein besserer Mensch, ein besserer Ehemann und Vater. Wir haben geheiratet, acht Kinder bekommen und sind 65 Jahre lang gemeinsam durchs Leben gegangen.

Ich verdanke meiner Frau mehr, als ich sagen kann. Ich wei? nicht, ob es jemals eine vollkommene Ehe gegeben hat, aber unsere war es aus meiner Sicht.

Als Pr?sident Hinckley auf der Beerdigung meiner Frau sprach, sagte er, es sei ersch?tternd und verzehrend, einen geliebten Menschen zu verlieren. Es nagt an der Seele.

Er hatte Recht. So, wie Elisa meine gr??te Freude war, ist ihr Verlust mein gr??ter Kummer.

In manch einsamer Stunde habe ich lange ?ber das nachgedacht, was ewig ist. Ich habe ?ber die tr?stende Lehre vom ewigen Leben nachgedacht.

Im Lauf meines Lebens habe ich viele Predigten ?ber die Auferstehung geh?rt. Wie Sie kann ich die Ereignisse jenes ersten Ostersonntags erz?hlen. Ich habe in meinen heiligen Schriften Schriftstellen markiert, die von der Auferstehung handeln, und habe jederzeit viele der wichtigsten Aussagen von neuzeitlichen Propheten zu diesem Thema zur Hand.

Wir wissen, was die Auferstehung ist: die Vereinigung von Geist und Leib in ihrer vollkommenen Gestalt.1

Pr?sident Joseph F. Smith hat gesagt, „dass wir diejenigen, von denen wir uns hier trennen m?ssen, wiedersehen werden, und zwar so, wie sie sind. Wir werden sie genau so wiedersehen, wie wir sie hier im Fleisch gesehen haben.“2

Pr?sident Spencer W. Kimball hat das noch weiter ausgef?hrt: „Wenn wir uns in jeder Hinsicht, k?rperlich, mental und geistig, in Bestform vorstellen k?nnen, dann entspricht das sicher dem, wie wir zur?ckkommen werden.“3

Wenn wir auferstehen, wird „dieser sterbliche Leib ? zu einem unsterblichen Leib auferweckt, ? [wir k?nnen] nicht mehr sterben“.4

K?nnen Sie sich das vorstellen? Die Bl?te unseres Lebens? Niemals krank, nie Schmerzen erleiden, nie belastet von den ?beln, die uns im Erdenleben so oft bedr?ngen?

Die Auferstehung steht im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens. Ohne sie ist unser Glaube bedeutungslos. Der Apostel Paulus sagt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verk?ndigung leer und [unser] Glaube sinnlos.“5

In der gesamten Weltgeschichte hat es viele gro?e und weise Wesen gegeben, von denen viele Gott sehr gut kannten. Aber als der Erretter sich vom Grab erhob, tat er etwas, was niemand zuvor getan hatte. Er tat etwas, was niemand sonst tun konnte. Er zerriss die Bande des Todes, nicht nur f?r sich selbst, sondern f?r alle, die je gelebt haben – die Gerechten und die Ungerechten.6

Als Christus vom Grab auferstand, als Erstlingsfrucht der Auferstehung, machte er allen diese Gabe zug?nglich. Mit dieser erhabenen Tat linderte er den ersch?tternden, verzehrenden Kummer, der an der Seele derer nagt, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Ich muss daran denken, wie finster der Freitag war, an dem Christus auf das Kreuz emporgehoben wurde.

An jenem schrecklichen Freitag bebte die Erde, und es wurde finster. Schreckliche St?rme tobten ?ber die Erde.

Die b?sen Menschen, die Jesus nach dem Leben getrachtet hatten, freuten sich. Nun, da er gestorben war, w?rden sich seine J?nger sicherlich zerstreuen. An jenem Tag triumphierten sie.

An jenem Freitag riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.

Maria aus Magdala und Maria, die Mutter Jesu, wurden von Kummer und Verzweiflung ?bermannt. Der gro?artige Mann, den sie geliebt und geehrt hatten, hing leblos am Kreuz.

An jenem Freitag waren die Apostel am Boden zerst?rt. Jesus, ihr Erretter – der Mann, der ?ber das Wasser gegangen war und Tote auferweckt hatte –, war nun selbst schlechten Menschen ausgeliefert. Hilflos sahen sie zu, wie er von seinen Feinden ?berw?ltigt wurde.

An jenem Freitag wurde der Erretter der Menschheit gedem?tigt und geschlagen, misshandelt und verh?hnt.

Jener Freitag war erf?llt von dem ersch?tternden, verzehrenden Kummer, der an der Seele derer nagte, die den Sohn Gottes liebten und ehrten.

Von allen Tagen seit dem Beginn der Geschichte dieser Welt war dieser Freitag sicher der finsterste.

Aber es blieb nicht beim Verh?ngnisvollen dieses Tages.

Die Verzweiflung war nur von kurzer Dauer, denn am Sonntag zerriss der auferstandene Herr die Bande des Todes. Er erhob sich aus dem Grab und erschien herrlich und siegreich als der Erretter aller Menschen.

Augenblicklich h?rten die Tr?nen, die zuvor nicht enden wollten, auf zu flie?en. Die Lippen, die zuvor verzweifelte, kummervolle Gebete gefl?stert hatten, erf?llten nun die Luft mit Lobpreis, denn Jesus, der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, stand vor ihnen als Erstlingsfrucht der Auferstehung, als Beweis, dass der Tod nur der Beginn eines neuen und wunderbaren Daseins ist.

Jeder von uns erlebt Freitage – Tage, an denen das Universum ersch?ttert scheint und die Welt um uns in Scherben liegt. Wir alle erleben solche Zeiten, in denen wir wie zerschlagen sind und es so aussieht, als k?nne nichts uns wieder heilen. Wir alle erleben unsere Freitage.

Aber ich bezeuge Ihnen im Namen des Einen, der den Tod besiegt hat: Der Sonntag kommt gewiss! So finster unser Kummer auch ist – der Sonntag kommt gewiss.

Wie verzweifelt wir auch sein m?gen, wie sehr wir uns auch gr?men – der Sonntag kommt gewiss. Sei es in diesem Leben oder im n?chsten – der Sonntag kommt gewiss.

Ich bezeuge Ihnen, dass die Auferstehung kein M?rchen ist. Wir haben das pers?nliche Zeugnis derer, die den Herrn gesehen haben. Tausende in der Alten und der Neuen Welt erlebten den auferstandenen Erretter. Sie f?hlten die Wunden in seinen H?nden, seinen F??en und seiner Seite. Sie vergossen Tr?nen unendlicher Freude, als sie ihn umarmten.

Nach der Auferstehung waren die J?nger neu belebt. Sie reisten in die Welt, um die herrliche Botschaft des Evangeliums zu verk?nden.

H?tten sie gewollt, sie h?tten von der Bildfl?che verschwinden und in ihr fr?heres Leben und zu ihren fr?heren T?tigkeiten zur?ckkehren k?nnen. Mit der Zeit h?tte man vergessen, dass sie mit ihm zusammen waren.

Sie h?tten die G?ttlichkeit Christi leugnen k?nnen. Doch das taten sie nicht. Ungeachtet von Gefahren, Spott und Morddrohungen gingen sie in die Pal?ste, Tempel und Synagogen und verk?ndeten k?hn: Jesus ist der Christus, der auferstandene Sohn des lebendigen Gottes.

Viele von ihnen gaben als letztes Zeugnis ihr wertvolles Leben hin. Sie erlitten den M?rtyrertod, das Zeugnis des auferstandenen Christus auf den Lippen, als sie starben.

Die Auferstehung ver?nderte das Leben derer, die sie miterlebt hatten. Sollte sie nicht auch unser Leben ver?ndern?

Wir alle werden vom Grab auferstehen. An diesem Tag wird mein Vater meine Mutter in die Arme schlie?en. An diesem Tag werde ich meine geliebte Elisa wieder in die Arme schlie?en.

Aufgrund des Lebens und des ewigen Opfers des Erretters der Welt werden wir mit denen vereint werden, die uns teuer waren.

An diesem Tag werden wir wissen, dass der himmlische Vater uns liebt. An diesem Tag werden wir gro?e Freude dar?ber empfinden, dass der Messias alles ?berwunden hat, damit wir f?r immer leben k?nnen.

Aufgrund der heiligen Handlungen, die wir im Tempel empfangen, kann unser Abschied aus diesem kurzen Leben auf Erden nicht lange die Beziehungen trennen, die mit einer Schnur aus ewigen Bindungen gefestigt wurden.

Ich bezeuge feierlich, dass der Tod nicht das Ende unserer Existenz ist. „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erb?rmlicher daran als alle anderen Menschen.“7 „Verschlungen ist der Tod vom Sieg“8, weil Christus auferstanden ist.

Wegen unseres geliebten Erl?sers k?nnen wir selbst an einem unserer finstersten Freitage die Stimme erheben und verk?nden: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“9

Als Pr?sident Hinckley von der schrecklichen Einsamkeit sprach, die diejenigen erleben, die einen geliebten Menschen verlieren, verhie? er auch, dass in der Stille der Nacht eine leise, unh?rbare Stimme unserer Seele Frieden zufl?stert: „Alles wohl!“

Ich bin unendlich dankbar f?r die erhabenen, wahren Lehren des Evangeliums und f?r die Gabe des Heiligen Geistes, der meiner Seele die tr?stenden, friedlichen Worte zugefl?stert hat, wie unser geliebter Prophet es verhei?en hat.

In den Tiefen meines Kummers habe ich Freude ?ber das herrliche Evangelium empfunden. Ich freue mich, dass der Prophet Joseph Smith auserw?hlt wurde, das Evangelium in dieser letzten Evangeliumszeit auf der Erde wiederherzustellen. Ich freue mich, dass wir einen Propheten haben, Pr?sident Gordon B. Hinckley, der die Kirche des Herrn in unserer Zeit leitet.

M?gen wir die unsch?tzbaren Gaben verstehen, die wir als S?hne und T?chter des liebenden himmlischen Vaters erhalten, auch die Verhei?ung jenes hellen Tages, an dem wir alle herrlich auferstehen, und unsere Dankbarkeit daf?r zeigen.

M?gen wir uns stets bewusst sein, dass auch auf den finstersten Freitag immer der Sonntag folgt. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Siehe Alma 11:43
  2. Lehren der Pr?sidenten der Kirche: Joseph F. Smith, Seite 91f.
  3. The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball, 1982, Seite 45
  4. Alma 11:45
  5. 1 Korinther 15:14
  6. Siehe Johannes 5:28,29
  7. 1 Korinther 15:19
  8. 1 Korinther 15:54
  9. 1 Korinther 15:55