176th Semiannual General Conference, October 2006

Drei Handt?cher und eine Zeitung f?r 25 Cent

Bischof Richard C. Edgley
Erster Ratgeber in der Pr?sidierenden Bischofschaft

Wenn wir den heiligen Grunds?tzen Ehrlichkeit und Lauterkeit treu sind, dann sind wir unserem Glauben treu und auch uns selbst treu.

Vor einem derart gewaltigen Publikum in aller Welt ist mir schon ein wenig bang, wenn ich nun etwas bekenne. Ich m?chte damit aber ein Thema einleiten, ?ber das ich mir schon seit einiger Zeit viele Gedanken mache. Nach meinem ersten Jahr am College arbeitete ich 1955 den Sommer ?ber in einem neu er?ffneten Ferienhotel am Jackson Lake in Moran in Wyoming. Ich besa? damals ein 14 Jahre altes Auto der Marke Hudson, das eigentlich seine Lebensdauer schon um 10 Jahre ?berschritten hatte. Das Bodenblech dieses Autos war so schlimm verrostet, dass ich buchst?blich meine F??e ?ber die Stra?e h?tte schleifen lassen k?nnen, wenn nicht ein St?ck Sperrholz dar?ber gelegen h?tte. Das Gute an diesem Auto war, dass es im Gegensatz zu den meisten 14 Jahre alten Autos jener Zeit so gut wie kein ?l verbrauchte ? viel Wasser f?r die K?hlung, aber kein ?l. Ich habe nie herausfinden k?nnen, wohin das Wasser verschwand und warum das ?l immer d?nner und durchsichtiger wurde.

Am Ende des Sommers brachte ich zur Vorbereitung auf die 300 km lange Fahrt nach Hause das Auto zum einzigen Mechaniker in Moran. Nach einem kurzen Blick erkl?rte er mir, dass der Motorblock einen Riss habe und dass Wasser ins ?l sickere. Das erkl?rte das R?tsel um Wasser und ?l. Ich fragte mich, ob ich es nicht irgendwie schaffen k?nnte, Wasser in den Benzintank durchsickern zu lassen, denn dann h?tte ich einen geringeren Benzinverbrauch!

Nun das Gest?ndnis: Nachdem ich wunderbarerweise heil zu Hause angekommen war, kam mein Vater heraus und begr??te mich freudig. Nach einer Umarmung und ein paar lieben Worten sah er auf dem R?cksitz meines Autos drei Handt?cher aus dem Ferienhotel liegen ? solche, die man nirgendwo kaufen kann. Mit einem entt?uschten Gesichtsausdruck sagte er blo?: ?Von dir h?tte ich etwas anderes erwartet.? Ich hatte das, was ich getan hatte, nicht f?r so furchtbar falsch gehalten. F?r mich waren diese Handt?cher einfach ein Zeichen daf?r, dass ich den ganzen Sommer in einem Luxushotel gearbeitet hatte ? ein Andenken, das mir sozusagen zustand. Trotzdem f?hlte ich, dass ich dadurch, dass ich sie genommen hatte, das Vertrauen meines Vaters verloren hatte, und ich f?hlte mich elend.

Am folgenden Wochenende legte ich das Sperrholz-Bodenbrett meines Autos zurecht, bef?llte den K?hler mit Wasser und machte mich auf die 600 km lange Fahrt zur Jackson Lake Lodge und zur?ck, um die drei Handt?cher zur?ckzubringen. Mein Vater fragte nie, warum ich wieder dorthin fuhr, und ich habe es nie erkl?rt. Es brauchte nicht ausgesprochen werden. Das war eine teure und schmerzhafte Lektion in Sachen Ehrlichkeit, die mir bis heute im Ged?chtnis haften geblieben ist.

Leider mangelt es der heutigen Welt insbesondere an Ehrlichkeit und Lauterkeit. In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Gesch?ftsleute mit unredlichen Machenschaften und anderen Formen von Fehlverhalten einen Namen gemacht. In der Folge haben zehntausende redliche, langj?hrige Mitarbeiter Existenzgrundlage und Altersversorgung verloren. Das hat bei einigen dazu gef?hrt, dass sie ihr Haus verloren haben, sich umschulen lassen oder sonstige Lebenspl?ne ?ndern mussten. Wir lesen und h?ren davon, dass in den Schulen ziemlich viel geschummelt wird und dass es mehr um die Note bzw. den Abschluss geht als um Bildung und Lernen. Wir h?ren von Studenten, die sich durch das Medizinstudium gemogelt haben und nun komplizierte Behandlungen an ihren Patienten durchf?hren. ?ltere Leute und andere werden Opfer von Trickbetr?gern, was oft zum Verlust ihres Zuhauses oder ihrer Ersparnisse f?hrt. Solche Unehrlichkeit und mangelnde Lauterkeit basieren immer auf Gier, Anma?ung und Respektlosigkeit.

In den Sprichw?rtern lesen wir: ?L?gnerische Lippen sind dem Herrn ein Gr?uel, doch wer zuverl?ssig ist in seinem Tun, der gef?llt ihm.? (Sprichw?rter 12:22.)

Mormon schreibt ?ber die bekehrten Lamaniten, die man als das Volk Anti-Nephi-Lehi kannte: ?Und sie waren unter dem Volk Nephi und wurden auch zu dem Volk gez?hlt, das der Kirche Gottes angeh?rte. Und sie zeichneten sich auch durch ihre Hingabe an Gott und auch an die Menschen aus; denn sie waren v?llig ehrlich und untadelig in allem; und sie waren fest im Glauben an Christus, ja, bis ans Ende.? (Alma 27:27; Hervorhebung hinzugef?gt.)

Als ich vor ungef?hr 30 Jahren in der Wirtschaft arbeitete, gingen ein paar Gesch?ftspartner und ich einmal durch den Flughafen O?Hare in Chicago. Einer dieser M?nner hatte gerade seine Firma f?r viele Millionen Dollar verkauft ? er war also nicht arm.

Als wir an einem Zeitungsautomaten vorbeigingen, warf er ein 25-Cent-St?ck in das Ger?t, ?ffnete die Klappe zum Zeitungsstapel in der Maschine und reichte jedem von uns eine unbezahlte Zeitung. Als er mir die Zeitung gab, warf ich einen Vierteldollar in den Automaten und sagte scherzend, um niemandem zu nahe zu treten: ?Jim, f?r 25 Cent kann ich mir meine Integrit?t bewahren. Vielleicht nicht f?r einen Dollar, aber f?r 25 Cent ? doch, f?r 25 Cent schon.? Sie sehen, ich erinnerte mich gut an die Erfahrung mit den drei Handt?chern und dem kaputten Hudson, Baujahr 1941. Ein paar Minuten sp?ter kamen wir nochmals am gleichen Zeitungsautomaten vorbei. Ich bemerkte, wie Jim hinter der Gruppe zur?ckblieb und etliche Vierteldollarm?nzen in den Automaten einwarf. Ich erz?hle Ihnen davon nicht, um mich als besonderes Beispiel f?r Ehrlichkeit hinzustellen, sondern nur, um die Lektion der drei Handt?cher und der Zeitung f?r 25 Cent hervorzuheben.

Es wird niemals Ehrlichkeit im Gesch?ftsleben, in der Schule, zu Hause oder wo auch immer sonst herrschen, wenn sie nicht im Herzen vorhanden ist.

Wichtige und einpr?gsame Lektionen lernen wir oft durch ganz einfache Beispiele ? drei Handt?cher vielleicht oder eine Zeitung f?r 25 Cent. Ich frage mich, wie die Welt w?re, wenn diese einfachen Lektionen in Ehrlichkeit im fr?hen Alter daheim gelehrt w?rden ? einfache Lektionen wie ?liebe deinen N?chsten wie dich selbst? (vgl. Matth?us 22:39; Markus 12:31) oder ?handle an anderen so, wie auch an dir gehandelt werden soll? (vgl. Matth?us 7:12; Lukas 6:31). Ich frage mich, wo tausende entlassene Arbeitnehmer mit ihrer verlorenen Altersversorgung heute w?ren, wenn ein paar Gesch?ftsleute in hohen Positionen schon fr?h Erfahrungen mit drei Handt?chern oder einer Zeitung f?r 25 Cent gemacht h?tten.

Ehrlichkeit ist die Grundlage eines wirklich christlichen Lebens. F?r Heilige der Letzten Tage ist Ehrlichkeit eine grundlegende Bedingung, um in die heiligen Tempel des Herrn gehen zu k?nnen. Ehrlichkeit ist Bestandteil der B?ndnisse, die wir im Tempel eingehen. Jeden Sonntag nehmen wir von den heiligen Symbolen des Fleisches und Blutes des Erl?sers und erneuern unsere grundlegenden und heiligen B?ndnisse, zu denen auch die Ehrlichkeit geh?rt. Als Heilige der Letzten Tage haben wir die heilige Pflicht, die Grunds?tze der Ehrlichkeit nicht nur zu lehren, sondern auch nach ihnen zu leben ? vielleicht anhand so einfacher Beispiele wie dem der drei Handt?cher oder der Zeitung f?r 25 Cent. Ehrlichkeit muss zu den grundlegenden Werten geh?ren, die unser t?gliches Leben bestimmen.

Wenn wir den heiligen Grunds?tzen Ehrlichkeit und Lauterkeit treu sind, dann sind wir unserem Glauben treu und auch uns selbst treu.

Ich bete darum, dass wir als Heilige der Letzten Tage zu den ehrlichsten Menschen der Welt z?hlen ? und dass von uns gesagt werden kann, wie vom Volk Anti-Nephi- Lehi, dass wir ?v?llig ehrlich und untadelig in allem [sind], ? fest im Glauben an Christus, ja, bis ans Ende?. (Alma 27:27.) Im Namen Jesu Christi. Amen.