176th Semiannual General Conference, October 2006

Durch den Geist empfangen

A. Roger Merrill
Pr?sident der Sonntagsschule

Wenn wir uns darauf konzentrieren, nach dem Geist zu trachten und ihn zu empfangen, dann geht es uns weniger darum, ob der Lehrer oder Sprecher nun unsere Aufmerksamkeit weckt, sondern mehr darum, dass wir dem Geist unsere Aufmerksamkeit schenken.

Als ich als junger Mann auf Mission in Beaumont, Texas, war, wurde eines Morgens mein Mitarbeiter krank und musste im Bett bleiben. Ich folgte dem Rat unseres Missionspr?sidenten f?r solche Situationen, setzte mich mit meinem Buch Mormon an das offene Fenster unserer Wohnung im 4. Stock und begann zu lesen.

Ich vertiefte mich in die Schrift und kam nach einer Weile zu Vers 1 und 2 im 29. Kapitel des Buches Alma.

?O dass ich ein Engel w?re und mein Herzenswunsch wahr w?rde, dass ich hinausgehen und mit der Posaune Gottes sprechen k?nnte, mit einer Stimme, die die Erde ersch?ttert, und jedes Volk zur Umkehr rufen k?nnte!

Ja, ich w?rde einer jeden Seele wie mit Donnerstimme Umkehr und den Plan der Erl?sung verk?nden, dass sie umkehren und zu unserem Gott kommen sollen, damit es auf dem Antlitz der ganzen Erde kein Leid mehr gebe.?

Ich sann ?ber diese Worte nach und sie drangen mir tief ins Herz. Mein Mitarbeiter und ich hatten in Beaumont schon an hunderte T?ren geklopft, um unsere Botschaft den Menschen mitzuteilen, jedoch nur mit geringem Erfolg. Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir vor, wie es wohl w?re, ein Engel zu sein und mit einer Stimme, die die Erde ersch?ttert, Umkehr zu predigen. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie die Menschen auf der Stra?e kamen und gingen. Ich stellte mir vor, wie es wohl w?re, wenn ich dort unten stehen k?nnte, strahlend wie ein Engel ? mit erhobenen H?nden und donnernder Stimme. Ich stellte mir bildlich vor, wie die H?user bebten und die Menschen zu Boden fielen. Ich stellte mir vor, dass sie unter diesen Umst?nden ganz gewiss pl?tzlich Interesse an meiner Botschaft h?tten!

Doch dann las ich den n?chsten Vers: ?Aber siehe, ich bin ein Mensch und vers?ndige mich mit meinem Wunsch; denn ich sollte mit dem zufrieden sein, was der Herr mir zugeteilt hat.? (Vers 3.)

Ich erkannte voll Demut, dass der Herr alle seine Kinder liebt und einen Plan f?r sein Werk hat. Meine Aufgabe bestand darin, meinen Teil zu tun.

Noch etwas wurde mir damals klar und stimmte mich dem?tig: In jenem Augenblick wusste ich, dass das, was ich las, keine erfundenen Geschichten waren, sondern dass es sich wirklich so zugetragen hatte. W?hrend ich las, wurde ich ruhig und friedlich mit dem Licht und der Erkenntnis erf?llt, dass es Alma tats?chlich gegeben hatte, dass er wirklich gelebt und dass auch er den tiefen Wunsch versp?rt hatte, anderen Menschen die Evangeliumsbotschaft zu verk?nden.

Wenn man mich damals gefragt h?tte, ob ich wisse, dass dies wahr sei, h?tte ich es aus tiefstem Herzen bejaht. Mir wurde bewusst, dass ich in jenem Augenblick eine geistige Best?tigung von der Wahrheit des Buches Mormon empfangen hatte.

Wenn ich an dieses Erlebnis ? und viele derartige Zeugnisse, die ich seither bekommen habe ? zur?ckdenke, wird mir immer mehr bewusst, wie entscheidend es ist, durch den Heiligen Geist zu empfangen. Oft ? und zu Recht ? konzentrieren wir uns darauf, wie wichtig es ist, durch den Geist zu lehren. Wir m?ssen aber auch daran denken, dass der Herr genauso viel ? wenn nicht mehr ? Wert darauf legt, dass wir durch den Geist empfangen (siehe LuB 50:17-22).

Solcherlei Empfangen ist ein grundlegendes Muster im Evangelium. Dies wird in der heiligen Handlung, durch die wir als Mitglied der Kirche best?tigt werden, dargelegt. Bei der Konfirmierung werden wir aufgefordert, den Heiligen Geist zu empfangen. Es ist die formelle Aufforderung, etwas zu tun, n?mlich diese gro?e Gabe zu empfangen.

Seitdem mir dieser Grundsatz mehr bewusst ist, f?llt mir auf, dass in den heiligen Schriften unz?hlige Male auf die Lehre vom Empfangen Bezug genommen wird. Wie Pr?sident Boyd K. Packer gesagt hat: ?Keine Aussage erscheint in den heiligen Schriften h?ufiger und auf vielf?ltigere Weise als: ?Bittet, und ihr werdet empfangen.?? (?Reverence Invites Revelation?, Ensign, November 1991, Seite 21.)

In unserer Pr?fungszeit auf Erden geht es vor allem um die Entscheidung, Jesus als den Messias zu empfangen oder anzunehmen. Der Apostel Johannes hat gesagt:

?Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.? (Johannes 1:11,12.)

Da fragt man sich doch unwillk?rlich, wie viele Gaben und Segnungen um uns herum wir nicht empfangen. Der Herr hat gesagt: ?Denn was n?tzt es dem Menschen, wenn ihm eine Gabe gew?hrt wird, und er empf?ngt die Gabe nicht? Siehe, er freut sich nicht ?ber das, was ihm gegeben wird, noch freut sich der ?ber ihn, der die Gabe gibt.? (LuB 88:33.)

In den Versammlungen der Kirche, beim Schriftstudium allein und mit der Familie, ja, selbst heute, da wir den Propheten und Aposteln des Herrn zuh?ren, werden einige von uns mehr empfangen als andere. Warum? Ich habe herausgefunden, dass diejenigen, die wahrhaftig empfangen, mindestens dreierlei tun, was die anderen vielleicht nicht tun.

Erstens suchen sie. Wir leben in einer Welt, in der wir unterhalten und zum Zuschauer abgestempelt werden. Ohne dass wir es merken, kann es passieren, dass wir die Generalkonferenz oder die Kirche mit der Einstellung besuchen: ?Hier bin ich ? nun erbaut mich mal!? Wir werden geistig passiv.

Wenn wir uns stattdessen darauf konzentrieren, nach dem Geist zu trachten und ihn zu empfangen, dann geht es uns weniger darum, ob der Lehrer oder Sprecher nun unsere Aufmerksamkeit weckt, sondern mehr darum, dass wir dem Geist unsere Aufmerksamkeit schenken. Denken Sie daran: Empfangen ist ein Tuwort. Es ist ein Grundsatz, der erfordert, dass man etwas tut. Es ist ein wesentlicher Ausdruck von Glauben.

Zweitens: Diejenigen, die empfangen, f?hlen. Offenbarung ergeht an Verstand und Herz, aber zumeist f?hlen wir sie. In der Regel erkennen wir den Geist nicht einmal, solange wir nicht gelernt haben, auf diese geistigen Empfindungen zu achten.

Eine meiner Schwiegert?chter erw?hnte neulich im Gespr?ch mit mir, dass man sogar kleinen Kindern solche geistige Empfindungen bewusst machen kann. Wir k?nnen ihnen Fragen stellen wie diese: ?Wie f?hlst du dich, wenn wir diese Schriftstelle gemeinsam lesen? Was gibt der Heilige Geist dir zu tun ein?? Solche Fragen k?nnen wir uns alle stellen. Sie zeigen, dass wir den Wunsch haben zu empfangen.

Drittens: Diejenigen, die durch den Geist empfangen, haben die Absicht, zu handeln. Der Prophet Moroni lehrt uns, um ein Zeugnis vom Buch Mormon zu erlangen, m?ssen wir ?mit wirklichem Vorsatz? (Moroni 10:4) fragen. Der Geist vermittelt uns etwas, wenn wir ehrlich den Wunsch haben, das, was wir lernen, in die Tat umzusetzen.

Um mein Erlebnis als junger Missionar noch besser zu begreifen und noch mehr daraus zu lernen, las ich mir meinen Tagebucheintrag von damals erneut durch, und mir wurde klar: Obwohl ich auch zuvor schon im Buch Mormon gelesen hatte, war an jenem Morgen in Beaumont etwas anders ? n?mlich ich! So unerfahren ich auch war, bem?hte ich mich zumindest bei dieser Gelegenheit aufrichtig darum, zu suchen und zu f?hlen, und hatte die Absicht, glaubensvoll das in die Tat umzusetzen, was ich lernte. Ich wei? heute, dass jedem von uns immer wieder solche Zeugnisse zuteil werden k?nnen, wenn wir nur bereit sind, sie zu empfangen.

Das Buch Mormon ist das Wort Gottes. Jesus ist der Messias. Das Evangelium ist wiederhergestellt geworden, und wir befinden uns wahrhaftig in der Gegenwart neuzeitlicher Apostel und Propheten.

Ich bete darum, dass wir von nun an best?ndig lernen, besser zu empfangen, damit wir uns wahrhaftig an der Gabe und auch ??ber ihn, der die Gabe gibt? freuen.

Im Namen Jesu Christi. Amen.