176th Semiannual General Conference, October 2006

Es sind wiederum Propheten im Land

Elder Jeffrey R. Holland
vom Kollegium der Zw?lf Apostel

Es ist keine leichte Aufgabe f?r die Kirche, der Welt zu erkl?ren, dass es Propheten, S eher und Offenbarer gibt, aber sie tut es dennoch.

Unsere Freundin Carolyn Rasmus hatte gerade ihren Lehrauftrag an der Brigham-Young-Universit?t angetreten, da luden sie einige ihrer neuen Arbeitskollegen f?r einen Samstag zu einer Wanderung in den Bergen um Provo ein. Carolyn geh?rte nicht der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an, aber sie hatte sich im Kreise ihrer neuen Kollegen sofort wohl gef?hlt. Voller Begeisterung nahm sie die Einladung an.

So wie die Sonne stiegen auch die Wanderer auf dem Berg immer weiter aufw?rts. Etwa gegen zehn Uhr suchten sich alle einen Platz, an dem sie sich setzen konnten. Carolyn dachte: „Das ist ja fantastisch. Woher wussten sie, dass ich jetzt eine Pause brauche?“ Und auch sie suchte sich ein bequemes Pl?tzchen, an dem sie ihre Glieder grade sein lassen konnte. Doch ihre Weggef?hrten schienen diese Pause ungew?hnlich ernst zu nehmen. Einige holten Stift und Notizblock heraus, w?hrend einer auf dem Transistorradio sorgsam den Sender einstellte.

Was dann geschah, sollte ihrem Leben eine ganz neue Richtung geben. Einer ihrer Freunde sagte: „Carolyn, wir m?ssen dir etwas erkl?ren. Dies ist der erste Samstag im Oktober und das bedeutet f?r uns nicht nur sch?nes Wetter und buntes Herbstlaub – es findet auch die Generalkonferenz der Kirche statt. Wir Heilige der Letzten Tage halten inne und h?ren zu – wo auch immer wir sind und was wir auch gerade tun. Wir werden jetzt also zwischen den Eichen und Kiefern sitzen, auf das Tal hinabblicken und zwei Stunden lang den Propheten Gottes lauschen.“

„Zwei Stunden!“, dachte Carolyn. „Ich wusste nicht, dass es noch lebende Propheten Gottes gibt“, erz?hlte sie, „und erst recht nicht, dass es genug davon gibt, dass sie zwei Stunden ausf?llen k?nnen!“ Sie ahnte noch nicht, dass sie an diesem Nachmittag um 14.00 Uhr noch eine zweist?ndige Rast einlegen w?rden und dass man sie einladen w?rde, am n?chsten Tag vier weitere Stunden lang die Konferenz zu Hause mitzuverfolgen.

Der Rest ist schon Geschichte. Ihre Studenten schenkten ihr ein in Leder gebundenes Exemplar der heiligen Schriften, Freunde und Familien in der Gemeinde, die sie nun besuchte, begegneten ihr mit Liebe und sie hatte geistige Erlebnisse, die wir all denen w?nschen, die auf das Licht des Evangeliums zugehen. Carolyn lie? sich taufen und konfirmieren und wurde Mitglied der Kirche. Der Rest ist wie gesagt Geschichte. Als sie an dem Tag hoch oben auf dem Berg mit dem „Y“ zum ersten Mal die Generalkonferenz miterlebte, ging f?r Schwester Rasmus die prophetische Einladung Jesajas in Erf?llung: „Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort.“1

Eine weitere wunderbare Generalkonferenz geht nun langsam zu Ende. Wir hatten die Freude, von unseren F?hrern zu h?ren, darunter – und vor allem – von Pr?sident Gordon B. Hinckley, dem Mann, den wir als Sprachrohr Gottes auf Erden best?tigen, unseren lebenden Propheten, Seher und Offenbarer. So wie die Propheten in allen Evangeliumszeiten, von Adam bis heute, hat Pr?sident Hinckley uns alle sozusagen in einem weltweiten Ersatz f?r das Tal Adam-ondi-Ahman um sich geschart, hat uns seine Liebe erwiesen, uns belehrt und hat uns seinen Segen zuteil werden lassen.2

Ich glaube, man kann sagen, dass alle Br?der und Schwestern, die dieses Wochenende zu uns gesprochen haben, dies mit dem Gebet im Herzen getan haben, dass die Generalkonferenz f?r uns erbauend sein m?ge und – falls erforderlich – unserem Leben eine neue Richtung geben m?ge, so wie es bei Schwester Rasmus und abertausenden anderen war, die alle halbe Jahre der Aufforderung in unserem Kirchenlied folgen: „Kommt, h?ret, was der Heiland spricht, Propheten tat er’s kund“3.

Ich m?chte meinem Zeugnis und meiner Dankbarkeit f?r die Botschaften und die Bedeutung der Generalkonferenz Ausdruck verleihen und drei Punkte anf?hren, die bei dieser halbj?hrlichen Zusammenkunft aller Welt verk?ndet werden.

Erstens: Es wird eindr?cklich und unmissverst?ndlich erkl?rt, dass es wieder einen lebenden Propheten auf Erden gibt, der im Namen des Herrn spricht. Und wie sehr brauchen wir doch diese F?hrung! Diese Zeit ist turbulent und schwierig. Wir sehen Kriege in aller Welt und Probleme im eigenen Land. Unsere Mitmenschen sind von Kummer bedr?ckt oder haben famili?re Probleme. Unz?hlige Menschen kennen Angst und Schwierigkeiten aller Art. Das erinnert uns daran, wie die Menschen, die Lehi in seiner Vision vom Baum des Lebens sah, von einem finsteren Nebel eingeh?llt waren. Alle waren in diesem Nebel – der Rechtschaffene und der Nichtrechtschaffene, Jung und Alt, der Neubekehrte und auch das langj?hrige Mitglied. In diesem Gleichnis sind alle den Bedr?ngnissen ausgesetzt, und nur die eiserne Stange – das Wort Gottes, wie er es verk?ndet hat – kann sie sicher zum Ziel f?hren. Wir alle brauchen diese Stange. Wir alle brauchen das Wort Gottes. Ohne es ist niemand sicher, denn wenn es nicht da ist, kann jeder „auf verbotene Pfade [abfallen] und ? verloren [gehen]“, wie es in dem Bericht hei?t4. Wie dankbar sind wir doch, dass wir bei der Konferenz an den vergangenen zwei Tagen die Stimme Gottes geh?rt und gesp?rt haben, wie viel Kraft die eiserne Stange uns gibt.

Es kam nicht h?ufig vor, aber im Laufe der Jahre haben doch einige angedeutet, die ?u?erungen der f?hrenden Br?der seien weltfremd, sie w?ssten nicht, was momentan vorgehe, einige Richtlinien und Vorgehensweisen seien ?berholt und h?tten keinerlei Bezug zu unserer Zeit.

Als einer der Geringsten, die von Ihnen best?tigt wurden, die F?hrung der Kirche direkt mitzuerleben, erkl?re ich aus tiefster Seele, dass ich noch nie in meinem privaten oder beruflichen Umfeld mit irgendeiner Gruppe zu tun hatte, die so gut informiert ist, die so genau wei?, womit wir es zu tun haben, die so gr?ndlich in die Vergangenheit schaut, so offen ist f?r Neues und alles so sorgf?ltig, ?berlegt und gebeterf?llt abw?gt. Ich bezeuge, dass diese Gruppe von M?nnern und Frauen einen weitaus gr??eren Einblick in sittliche und gesellschaftliche Fragen hat als jedes andere mit ihr vergleichbare und mir bekannte Gremium von Fachleuten, das sich irgendwo auf der Welt damit befasst. Ich gebe Ihnen mein Zeugnis, dass diese Menschen durch und durch gut sind, hart arbeiten und dem?tig leben. Es ist keine leichte Aufgabe f?r die Kirche, der Welt zu erkl?ren, dass es Propheten, Seher und Offenbarer gibt, aber sie tut es dennoch. Dies ist ein wahres Licht, das in einer dunklen Welt erstrahlt, und es strahlt von dieser Konferenz aus.

Zweitens: Jede dieser Konferenzen ruft zum Handeln auf, nicht nur um unsertwillen, sondern auch zum Wohle unserer Mitmenschen – derjenigen, die zu unserer Familie und zu unserer Kirche geh?ren, und derjenigen, die nicht dazugeh?ren. Heute Morgen hat uns Pr?sident Hinckley in bewegenden Worten an den 150. Jahrestag der Handkarrenabteilungen erinnert, die zu der Zeit, als man im Oktober 1856 hier im Salzseetal zur Generalkonferenz zusammenkam, die letzten Meilen durch das eisige Nebraska stapften und schon bald in den unpassierbaren Schneewehen des Hochlands von Wyoming stecken bleiben sollten. Er zitierte die inspirierende Botschaft, die Pr?sident Brigham Young bei dieser Generalkonferenz an die Heiligen richtete, n?mlich schlicht und einfach: „Geht und holt die Leute, die jetzt in der Pr?rie sind!“5

Genauso, wie es bei der Generalkonferenz im Oktober 1856 darum ging, Menschen in Not zu retten, ist dies auch der Leitgedanke dieser Konferenz, der letzten Konferenz und auch der n?chsten im Fr?hjahr. Bei dieser Konferenz haben wir es vielleicht nicht mit Schneest?rmen und Begr?bnissen im gefrorenen Boden zu tun, aber es gibt noch immer Menschen in Not – die Armen und die Ersch?pften, die Entmutigten und Niedergeschlagenen, diejenigen, die auf die zuvor erw?hnten verbotenen Pfade geraten sind, und Unz?hlige, „denen die Wahrheit nur deshalb vorenthalten ist, weil sie nicht wissen, wo sie zu finden ist“6. Sie alle sind dort drau?en, mit ihren m?den Knien und herabgesunkenen H?nden7, und bald setzt schlechtes Wetter ein. Sie k?nnen nur von denen gerettet werden, die mehr haben, mehr wissen und mehr helfen k?nnen. Sie brauchen sich auch nicht zu fragen: „Wo sind sie denn?“ Sie sind ?berall – zu Ihrer Rechten und zu Ihrer Linken, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in jedem Ort, jedem Kreis und jedem Land in dieser Welt. Spannen Sie Ihre Zugtiere vor den Wagen, beladen Sie ihn mit Ihrer Liebe, Ihrem Zeugnis und einem Sack mit geistiger Nahrung, und fahren Sie los, ganz gleich, wohin. Der Herr wird Sie zu den Bed?rftigen f?hren, wenn Sie nur selbst das Evangelium Jesu Christi annehmen, das bei dieser Konferenz verk?ndet wurde. ?ffnen Sie Ihr Herz und reichen Sie denen die Hand, die in der Pr?rie unserer Zeit feststecken oder vor dem Teufelsschlund stehen. Wenn wir das tun, leisten wir der wiederholten Aufforderung des Meisters Folge, uns der verlorenen Schafe, M?nzen und Seelen anzunehmen.8

Mein letzter Punkt: Eine Generalkonferenz der Kirche ist eine Erkl?rung an die Welt, dass Jesus der Messias ist, dass er und sein Vater, der Gott und Vater von uns allen, dem jungen Propheten Joseph Smith erschienen sind und damit die Verhei?ung aus alter Zeit erf?llt haben, dass der auferstandene Jesus von Nazaret seine Kirche auf Erden wiederherstellen werde und „ebenso wiederkommen [werde], wie [die Heiligen in Jud?a] ihn [haben] zum Himmel hingehen sehen“9. Diese Konferenz und jede andere Generalkonferenz ist die Erkl?rung, dass er sich herabgelassen hat, in Armut und Demut auf die Erde zu kommen, um Leid und Ablehnung zu erfahren, Entt?uschung und Tod, damit wir genau davor bewahrt bleiben, wenn sich die Ewigkeit vor uns ausbreitet, damit wir „durch seine Wunden ? geheilt“10 werden. Diese Konferenz verk?ndet jeder Nation, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk die liebevolle Verhei?ung des Messias’, dass seine „Huld ? ewig [w?hrt]“11.

All denen, die meinen, sie seien verloren oder ohne Hoffnung, die glauben, sie haben viel zu lange zu viel falsch gemacht, jedem von Ihnen, der f?rchtet, er stecke auf der verschneiten Pr?rie des Lebens fest und sein Handkarren sei inzwischen kaputt, ruft diese Konferenz die unerm?dliche Zusicherung Jehovas zu: „Meine Hand bleibt ausgestreckt!“12 „Ich [strecke] ihnen meinen Arm von Tag zu Tag hin“, sagt er, „[und vielleicht] werden sie mich leugnen; dennoch werde ich zu ihnen barmherzig sein, ? falls sie umkehren und zu mir kommen; denn mein Arm ist den ganzen Tag lang ausgestreckt, spricht der Herr, Gott, der Heerscharen.“13 Seine Barmherzigkeit w?hrt f?r immer und seine Hand bleibt ausgestreckt. Er hat die reine Christusliebe, die N?chstenliebe, die niemals aufh?rt, das Mitgef?hl, das anh?lt, selbst wenn jede andere Kraft versagt.14

Ich gebe Zeugnis von diesem Jesus, der uns die Hand entgegenstreckt, uns rettet und Erbarmen hat, dass dies seine erl?sende Kirche ist, die auf seiner erl?senden Liebe gebaut ist, und dass, wie es im Buch Mormon hei?t: „Propheten unter das Volk [kamen], die vom Herrn gesandt waren, [es zu verk?nden]. ? [Ja,] es kamen wiederum Propheten in das Land.“15 Ich bezeuge, dass Pr?sident Gordon B. Hinckley in jeder Hinsicht, vom Scheitel bis zur Sohle, so ein Prophet ist, dessen Leben und Stimme uns teuer sind und f?r den wir so viel gebetet haben. Er wird nun diese halbj?hrliche Zusammenkunft schlie?en. F?r diesen Segen – und all die von mir genannten Segnungen und so viele mehr – m?chte ich anl?sslich der Generalkonferenz pers?nlich danken. Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Jesaja 2:3
  2. Siehe LuB 107:53-56
  3. „Kommt, h?ret, was der Heiland spricht“, Gesangbuch, Nr. 13
  4. 1 Nephi 8:28; siehe auch Vers 23,24
  5. Deseret News, 15. Oktober 1856, Seite 252; siehe auch LeRoy R. Hafen und Ann W. Hafen, Handcarts to Zion, 1960, Seite 120f.
  6. LuB 123:12
  7. Siehe LuB 81:5
  8. Siehe Lukas 15
  9. Apostelgeschichte 1:11
  10. Jesaja 53:5
  11. Siehe Psalm 136:1
  12. Siehe Jesaja 5:25; 9:16,20
  13. 2 Nephi 28:32
  14. Siehe Moroni 7:46,47
  15. Ether 7:23; 9:28