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176th Semiannual General Conference, October 2006

O seid weise

Elder M. Russell Ballard
vom Kollegium der Zw?lf Apostel

M?gen wir uns auf einfache Wege konzentrieren, im Reich Gottes zu dienen, und immer bestrebt sein, Menschen besser zu machen, auch uns selbst.

Br?der und Schwestern, als ich vor kurzem im Buch Mormon las, fiel mir eine der Lehren des Propheten Jakob auf. Wie Sie wissen, war Jakob einer der zwei S?hne von Vater Lehi, die in der Wildnis geboren wurden, nachdem die Familie Jerusalem verlassen hatte. Er war Zeuge von Wundern, sah aber auch, wie seine Familie durch Ungehorsam und Auflehnung auseinander gerissen wurde. Jakob kannte und liebte Laman und Lemuel wie er auch Nephi kannte und liebte, und die Streitigkeiten zwischen ihnen gingen ihm sehr nahe. Was Jakob anging, so ging es nicht um eine Weltanschauung, um Philosophie oder selbst Theologie. Es ging um die Familie.

Jakobs Seelenqual zeigt sich in seiner ernsthaften Sorge, dass sein Volk ?die Worte der Propheten [?ber Christus] verwerfen, ? die Macht Gottes und die Gabe des Heiligen Geistes leugnen ? und aus dem gro?en Plan der Erl?sung ? ein Gesp?tt machen? werde (Jakob 6:8).

Und dann, kurz vor seinem Lebewohl, sprach er acht schlichte Worte, die die Grundlage meiner Botschaft heute Morgen bilden. Jakob bat: ?O seid weise; was mehr kann ich sagen?? (Jakob 6:12.)

Diejenigen unter Ihnen, die Eltern und Gro?eltern sind, k?nnen nachf?hlen, was Jakob dabei empfunden haben muss. Er liebte sein Volk, auch deshalb, weil es auch seine Familie war. Er hatte sie so klar wie m?glich und mit aller Kraft seiner Seele unterwiesen. Er warnte sie unmissverst?ndlich, was geschehen w?rde, wenn sie sich entschieden, nicht ?durch die enge Pforte? einzutreten und ?auf dem Weg [zu verbleiben], der schmal ist?. (Jakob 6:11.) Es gab nichts, was er noch sagen konnte, um sie zu warnen, zu bitten, zu inspirieren, zu motivieren. Deshalb sagte er schlicht und tiefgr?ndig: ?O seid weise; was mehr kann ich sagen??

Ich habe Mitglieder der Kirche aus vielen verschiedenen Nationen der Welt kennengelernt. Der Geist und die Energie vieler unserer Mitglieder beeindrucken mich sehr. Herzen werden ber?hrt und viel Gutes wird getan. Das Werk geht lebendig voran und daf?r bin ich zutiefst dankbar. Ich sehe aber viele Bereiche, in denen wir als Mitglieder der Kirche in allem, was wir tun, sehr weise sein m?ssen.

Der Herr hat seine Kirche in seiner unendlichen Weisheit so organisiert, dass die geistigen ?mter von Laien bekleidet werden. Das hei?t, dass wir damit betraut sind, ?bereinander zu wachen und einander zu dienen. Wir sollen einander lieben, wie unser Vater im Himmel und der Herr Jesus Christus uns lieben. Unsere Berufungen und unsere Umst?nde ?ndern sich von Zeit zu Zeit, sodass sich uns immer wieder neue M?glichkeiten bieten zu dienen und zu wachsen. Die meisten F?hrer und Lehrer in der Kirche kommen voll Eifer ihren Aufgaben nach. Es ist wahr, dass einige weniger effektiv sind als andere, aber fast immer bem?hen sie sich ehrlich, im Evangelium sinnvoll zu dienen.

Gelegentlich gibt es einige, die so viel Energie in ihre Berufung stecken, dass ihr Leben aus dem Gleichgewicht ger?t. Sie kommen zu der Ansicht, dass die Programme, f?r die sie verantwortlich sind, wichtiger sind als die Menschen, denen sie dienen. Sie machen ihren Dienst unn?tig kompliziert, und zwar mit ?berfl?ssigen Extras, die zu viel Zeit beanspruchen, zu viel Geld kosten und zu viel Energie aufbrauchen. Sie lehnen es ab, Aufgaben zu delegieren und anderen die Chance zu geben, in ihrer Aufgabe zu wachsen.

Dadurch, dass sie zu viel Zeit und Energie in ihren Dienst in der Kirche investieren, k?nnen sich die Beziehungen in der Familie verschlechtern. Die berufliche Leistung kann darunter leiden. Das ist nicht ratsam, weder in geistiger noch in anderer Hinsicht. Es mag Zeiten geben, in denen unsere Berufung in der Kirche vermehrte Anstrengungen und ungew?hnlich viel Aufmerksamkeit erfordert, aber wir m?ssen uns bem?hen, alles im richtigen Gleichgewicht zu halten. Wir d?rfen nie zulassen, dass unser Dienst unsere Aufmerksamkeit f?r die anderen wichtigen Priorit?ten unseres Lebens verdr?ngt. Denken Sie an den Rat K?nig Benjamins: ?Und seht zu, dass dies alles in Weisheit und Ordnung geschieht; denn es ist nicht erforderlich, dass der Mensch schneller laufe, als er Kraft hat.? (Mosia 4:27.)

Darf ich sechs M?glichkeiten vorschlagen, wie wir sowohl weise als auch sinnvoll dienen k?nnen?

Erstens: Konzentrieren Sie sich auf die Menschen und die Grunds?tze, nicht auf Programme. Zu dem Wichtigsten, was wir im Evangelium Jesu Christi tun, geh?rt, Menschen besser zu machen. Um anderen wirklich dienen zu k?nnen, m?ssen wir uns bem?hen, sie als einzelne Personen zu verstehen ? ihre Pers?nlichkeit, ihre St?rken, ihre Sorgen, ihre Hoffnungen und Tr?ume, ? damit die richtige Hilfe und Unterst?tzung angeboten werden kann. Offen gestanden ist es viel leichter, lediglich Programme durchzuf?hren als Menschen zu verstehen und ihnen wirklich zu dienen. In F?hrerschaftsversammlungen in der Kirche soll vor allem besprochen werden, wie man sich um die Menschen k?mmern kann. Ein Gro?teil der allt?glichen Informationen und Absprachen kann heutzutage durch Anrufe, E-Mails oder Briefe erledigt werden, sodass in der Tagesordnung von Ratsversammlungen und Pr?sidentschaftssitzungen das Augenmerk auf den Bed?rfnissen der Menschen liegen kann.

Unser Ziel soll stets sein, die Programme der Kirche als ein Mittel zu sehen, um Menschen aufzubauen, zu ermutigen, anzuleiten, zu unterweisen, zu lieben und zu vervollkommnen. ?Denkt daran, die Seelen haben gro?en Wert in den Augen Gottes.? (LuB 18:10.) Programme sind nur Werkzeuge. Ihre Durchf?hrung und Ausstattung mit Personal d?rfen nicht wichtiger sein als die Bed?rfnisse der Menschen, denen sie eigentlich zum Segen und Nutzen gereichen sollen.

Zweitens: Seien Sie innovativ. In dem Bem?hen, unsere Berufung gro? zu machen, sollen wir nach der Inspiration des Geistes trachten, um Probleme so zu l?sen, dass den Menschen, denen wir dienen, am besten geholfen wird. Wir haben Handb?cher mit Anweisungen und wir sollen uns an ihre Richtlinien halten. Aber in diesem Rahmen gibt es betr?chtliche M?glichkeiten, sich Gedanken zu machen, kreativ zu sein und von besonderen Talenten Gebrauch zu machen. Die Anweisung, unsere Berufung gro? zu machen, ist kein Gebot, sie unn?tig auszuschm?cken und zu komplizieren. Innovativ zu sein bedeutet nicht zwangsl?ufig, etwas auszubauen; oft bedeutet es zu vereinfachen.

Da wir durch das ewige Prinzip Entscheidungsfreiheit frei w?hlen und selbst ?berlegen k?nnen, sollten wir nach und nach immer besser in der Lage sein, Probleme zu l?sen. Wir werden mitunter Fehler machen, aber solange wir uns an die Grunds?tze und Richtlinien des Evangeliums halten, k?nnen wir aus diesen Fehlern lernen, andere besser verstehen lernen und ihnen effektiver dienen.

Innovativ zu sein bedeutet aber auch, dass uns nicht alles gesagt werden muss. Der Herr hat gesagt: ?Es ist nicht recht, dass ich in allem gebieten muss; denn wer in allem gen?tigt werden muss, der ist ein tr?ger und nicht ein weiser Knecht.? (LuB 58:26.) Wir vertrauen darauf, Br?der und Schwestern, dass Sie von Inspiration Gebrauch machen. Wir vertrauen darauf, dass Sie dies im Rahmen der Richtlinien und Grunds?tze der Kirche tun. Wir vertrauen darauf, dass Sie in Ihren Beratungen weise vorgehen, um dazu beizutragen, den Glauben und das Zeugnis derer zu st?rken, denen Sie dienen.

Drittens: Teilen Sie die Arbeit auf und delegieren Sie Verantwortung. Es ist ein Unterschied, ob Sie daf?r verantwortlich sind, dass eine Arbeit getan wird, oder ob Sie sie selbst tun. So sollte es beispielsweise l?ngst nicht mehr ?blich sein, dass sich der Pr?sident des ?ltestenkollegiums verpflichtet f?hlt, er selbst m?sse die Heimlehrbesuche erledigen, die andere Br?der vers?umt haben. Dasselbe gilt f?r die FHV-Leiterinnen in Bezug auf das Besuchslehren. Es ist nicht nur unklug, es ist auch kein richtiges Heimlehren oder Besuchslehren. Beim Heimlehren geht es nicht um Zahlen oder das Melden von Besuchen; Besuche und Zahlen sind nur ein Instrument zur Beurteilung. Beim Heimlehren geht es um die Liebe zu den Menschen und darum, den Kindern unseres himmlischen Vaters zu dienen und ?ber sie zu wachen.

Auftr?ge sollen verteilt, Verantwortung soll delegiert und den Mitgliedern soll die M?glichkeit gegeben werden, die ihnen ?bertragenen Aufgaben so gut sie k?nnen zu erf?llen. Geben Sie Hinweise und Ratschl?ge, seien Sie ?berzeugend und motivierend ? aber tun Sie nicht die Arbeit f?r die anderen. Gestehen Sie den anderen zu, Fortschritt zu machen und zu wachsen, auch wenn das bedeutet, manchmal nicht ganz so perfekte Ergebnisse auf den Berichten zu haben.

Viertens: Vermeiden Sie Schuldgef?hle. Ich hoffe, es versteht sich von selbst, dass Schuldgef?hle keinesfalls die richtige Motivationsmethode f?r F?hrer und Lehrer im Evangelium Jesu Christi sind. Wir m?ssen stets liebevoll und durch ehrliche Anerkennung motivieren, niemals, indem wir Schuldgef?hle erzeugen. Mir gef?llt der Gedanke, ?jemanden bei einer guten Tat zu erwischen?.

Dennoch gibt es diejenigen, die aufgrund ihres Dienstes in der Kirche Schuldgef?hle haben. Diese Gef?hle entstehen, wenn unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit von miteinander konkurrierenden Anforderungen und Priorit?ten beansprucht werden. Als sterbliche Menschen k?nnen wir einfach nicht alles auf einmal tun. Deshalb m?ssen wir alles ?in Weisheit und Ordnung? erledigen (siehe Mosia 4:27). Oft kann das bedeuten, einer Aufgabe zeitweise weniger Aufmerksamkeit zu schenken, um sich zun?chst einer anderen Verpflichtung zu widmen. Manchmal werden Aufgaben in der Familie Ihre gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen. Zu einem anderen Zeitpunkt werden berufliche Verpflichtungen an erster Stelle stehen. Dann wieder wird es Zeiten geben, in denen die Berufung in der Kirche vorgeht. Ausgewogenheit ist nur m?glich, wenn Dinge rechtzeitig erledigt werden; nicht, wenn wir unsere Vorbereitung immer wieder hinausschieben oder unseren Verpflichtungen erst in letzter Minute nachkommen.

Au?erdem m?ssen wir daran denken, dass Christus kam, um die Schuld von uns zu nehmen, indem er denen vergibt, die umkehren (siehe Alma 24:10). Er kam, um der aufgew?hlten Seele Frieden zu bringen. ?Frieden hinterlasse ich euch?, sagte er. ?Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.? (Johannes 14:27.) Durch das wunderbare S?hnopfer fordert er uns auf: ?Nehmt mein Joch auf euch ?; so werdet ihr Ruhe finden f?r eure Seele.? (Matth?us 11:29.)

Wenn die Macht des S?hnopfers in unserem Leben zu wirken beginnt, erkennen wir, dass der Erretter die Last unserer Schuld bereits getragen hat. O m?gen wir weise genug sein, dies zu verstehen, wenn n?tig umzukehren und unsere Schuld loszulassen.

F?nftens: Wir m?ssen gr?ndlich ?berlegen, wie wir die uns zur Verf?gung stehende Zeit, unser Einkommen und unsere Energie einteilen. Ich m?chte Ihnen ein kleines Geheimnis verraten. Einige von Ihnen kennen es schon. Sollten Sie es noch nicht kennen, dann ist es wirklich an der Zeit. Ganz gleich, worin die Bed?rfnisse Ihrer Familie oder Ihre Aufgaben in der Kirche bestehen, das Wort ?erledigt? gibt es nicht. Man kann immer noch mehr tun. Es gibt immer wieder eine neue Angelegenheit in der Familie, die Aufmerksamkeit braucht, einen neuen Unterricht, der vorzubereiten ist, ein weiteres Gespr?ch, das gef?hrt werden muss, eine weitere Versammlung, die besucht werden soll. Wir m?ssen einfach klug sein, indem wir auf unsere Gesundheit achten und den Rat befolgen, den Pr?sident Hinckley uns oft erteilt hat, n?mlich unser Bestes zu geben.

Mir scheint, der Schl?ssel liegt darin, dass wir die eigenen F?higkeiten und Grenzen erkennen und dann das eigene Tempo bestimmen, dass wir unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und alles, was wir einbringen k?nnen, nach Dringlichkeit zuordnen und einteilen, um anderen, auch unserer Familie, auf ihrem Weg zum ewigen Leben voller Weisheit beizustehen.

Sechstens: ein Wort an Sie als F?hrer dar?ber, den Mitgliedern, insbesondere Neubekehrten, Verantwortung zu ?bertragen. Pr?sident Hinckley hat gesagt, dass jedes neue Mitglied der Kirche eine Aufgabe braucht. Welche Aufgabe Sie auch immer ?bertragen, sie sollte die neuen Mitglieder nicht ?berw?ltigen, sondern ausreichend M?glichkeit bieten, sich in der Kirche wohl zu f?hlen, indem sie die Lehre kennenlernen und Seite an Seite mit freundlichen Mitgliedern arbeiten. Die Aufgabe soll ihnen helfen, im wiederhergestellten Evangelium Wurzeln zu fassen, indem ihr Zeugnis w?chst und sie auf sinnvolle Weise dienen.

Br?der und Schwestern, m?gen wir uns auf einfache Wege konzentrieren, im Reich Gottes zu dienen, und immer bestrebt sein, Menschen besser zu machen, auch uns selbst. Das Wichtigste bei unserer Arbeit in der Kirche sind nicht die gemeldeten Berichte oder die abgehaltenen Versammlungen, sondern ob einzelne Menschen ? um die man sich, einer nach dem anderen, gek?mmert hat, genau wie der Erretter es getan tat ? aufgerichtet und ermutigt worden sind und sich schlie?lich ge?ndert haben. Unsere Aufgabe ist es, anderen zu helfen, den Frieden und die Freude zu finden, die nur das Evangelium ihnen geben kann. In neun Worten hat Jesus zusammengefasst, wie wir das erreichen k?nnen. Er sagte: ?Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.? (Johannes 14:15.)

Unsere Tage gleichen in vielerlei Hinsicht denen Jakobs. Mein Rat gleicht dem seinen: ?[M?get] ihr umkehren ? und mit voller Herzensabsicht [kommen] und an Gott [festhalten], wie er an euch festh?lt.? (Jakob 6:5.) Br?der und Schwestern: Seien Sie weise in Bezug auf Ihre Familie. Seien Sie weise in der Aus?bung Ihrer Berufung. Gehen Sie weise mit Ihrer Zeit um. W?gen Sie Ihre Verpflichtungen weise gegeneinander ab. O seien Sie weise, meine lieben Br?der und Schwestern. Was mehr kann ich sagen?

M?ge Gott uns mit der Weisheit segnen, seinen Sohn, Jesus Christus, zu lieben, und sein Werk in Weisheit zu verrichten. Ich gebe Ihnen heute mein Zeugnis, dass Christus lebt. Dies ist seine Kirche. Wir alle sind seine Kinder. M?ge der Friede des Herrn mit uns sein. M?gen wir auch weiterhin weise unsere Pflicht erf?llen. Darum bete ich dem?tig im Namen Jesu Christi. Amen.