Elder David A. Bednar
vom Kollegium der Zw?lf Apostel
Ich bete nun darum, dass der Heilige Geist mir und Ihnen beistehen m?ge, wenn wir uns mit wichtigen Evangeliumsgrunds?tzen befassen.
Als Priestertumsf?hrer besuche ich stets gern die Mitglieder. Besonders gern besuche ich Mitglieder, die gemeinhin als ?weniger aktiv? bezeichnet werden.
In meiner Zeit als Pfahlpr?sident setzte ich mich oftmals mit einem der Bisch?fe in Verbindung und bat ihn, gebeterf?llt ein Mitglied oder eine Familie auszuw?hlen, die wir dann gemeinsam aufsuchten. Bevor wir uns auf den Weg machten, knieten wir uns nieder und baten den himmlischen Vater um F?hrung und Inspiration ? f?r uns und f?r die Mitglieder, mit denen wir sprechen wollten.
Bei unserem Besuch kamen wir bald zur Sache. Wir brachten zum Ausdruck, dass wir dankbar waren und uns dar?ber freuten, dass wir sie besuchen konnten. Wir erkl?rten ihnen, dass wir als Knechte des Herrn und in seinem Auftrag hier waren. Wir sagten, dass wir sie vermissten und sie brauchten und dass auch sie die Segnungen des wiederhergestellten Evangeliums brauchten. Ziemlich bald im Laufe des Gespr?chs fragte ich meist sinngem??: ?K?nnen Sie uns erkl?ren, weshalb Sie sich nicht aktiv an all dem Guten und den Programmen beteiligen, die die Kirche zu bieten hat??
Ich habe hunderte und aberhunderte solcher Besuche gemacht. Jedes Mitglied, jede Familie, jedes Zuhause und jede Antwort war anders. Doch im Laufe der Jahre entdeckte ich in vielen Antworten den gleichen Tenor. Die Antwort lautete h?ufig so oder ?hnlich:
?Vor Jahren hat einmal jemand in der Sonntagsschule etwas gesagt, was mich gekr?nkt hat, und seither bin ich nicht mehr hingegangen.?
?Keiner in dem Zweig hat sich um mich gek?mmert. Keiner hat mich gegr??t. Ich bin mir wie ein Au?enseiter vorgekommen. Die Mitglieder waren so abweisend. Das hat mich gekr?nkt.?
?Was mir der Bischof damals geraten hat, kann ich nicht akzeptieren. Solange dieser Mann dort Bischof ist, setze ich keinen Fu? in das Geb?ude.?
Viele weitere Gr?nde wurden genannt ? von Meinungsverschiedenheiten ?ber die Lehre bei den Erwachsenen bis hin zu H?nseleien, Spott und Ausgrenzung unter den Jugendlichen. Doch immer wieder ging es darum, dass der Betreffende Ansto? genommen hatte.
Der Bischof und ich h?rten aufmerksam und ehrlichen Herzens zu. Dann fragte einer von uns nach ihrer Bekehrungsgeschichte und ihrem Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium. Diese guten Menschen sprachen ? oft mit Tr?nen in den Augen ? ?ber das best?tigende Zeugnis des Heiligen Geistes und ?ber fr?here geistige Erlebnisse. Die meisten der ?weniger Aktiven?, die ich im Lauf meines Lebens besuchte, hatten unverkennbar ein Zeugnis davon, dass das wiederhergestellte Evangelium wahr ist, und dieses Zeugnis war ihnen teuer. Und doch nahmen sie zum damaligen Zeitpunkt nicht an den Aktivit?ten und Versammlungen der Kirche teil.
Schlie?lich sagte ich sinngem??: ?Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie richtig verstehe: Jemand in der Kirche hat Sie gekr?nkt, und deswegen k?nnen Sie nicht die Segnungen genie?en, die das Abendmahl mit sich bringt. Sie haben sich zur?ckgezogen, sodass der Heilige Geist nicht mehr st?ndig bei Ihnen ist. Weil Sie jemand in der Kirche gekr?nkt hat, haben Sie sich von den heiligen Handlungen des Priestertums und vom heiligen Tempel abgeschnitten. Sie haben sich die Gelegenheit genommen, anderen zu dienen und selbst zu lernen und Fortschritt zu machen. Und Sie stellen ein Hindernis auf, das den geistigen Fortschritt Ihrer Kinder, Ihrer Enkel und k?nftiger Generationen hemmt.? Oft dachten die Leute dann kurz nach und sagten: ?So habe ich das noch nie gesehen.?
Dann sprachen der Bischof und ich eine Einladung aus: ?Lieber Freund, wir sind gekommen, um Sie zu bitten, nicht l?nger Ansto? zu nehmen. Wir brauchen Sie, aber auch Sie brauchen die Segnungen des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi. Bitte, kommen Sie doch jetzt wieder zur?ck!?
Wenn wir der Ansicht sind oder zum Ausdruck bringen, wir seien beleidigt worden, dann meinen wir damit f?r gew?hnlich, dass wir uns gekr?nkt, schlecht behandelt, br?skiert oder missachtet f?hlen. Und nat?rlich passiert im Umgang mit anderen Menschen allerlei, woran wir Ansto? nehmen k?nnen ? Leute verhalten sich gedankenlos, treten in Fettn?pfchen, handeln gemein oder gar b?swillig. Doch letztlich ist es einem anderen nicht m?glich, Sie oder mich zu beleidigen. Schon der Gedanke, dass ein anderer uns dazu bringen kann, Ansto? zu nehmen, ist v?llig falsch. Ansto? zu nehmen ist eine Entscheidung, die wir treffen; es ist kein Zustand, der uns durch jemanden oder etwas auferlegt wird.
Alles, was Gott erschaffen hat, ist unterteilt in das, was handelt, und das, worauf eingewirkt wird (siehe 2 Nephi 2:13,14). Als S?hne und T?chter des himmlischen Vaters wurde uns sittliche Selbst?ndigkeit geschenkt ? die F?higkeit, unabh?ngig zu handeln und zu entscheiden. Da uns Handlungsfreiheit gegeben worden ist, sind wir Handelnde. Haupts?chlich sollen wir also handeln und nicht nur auf uns einwirken lassen. Der Gedanke, jemand oder etwas k?nne uns dazu bringen, gekr?nkt, w?tend, verletzt oder verbittert zu sein, schr?nkt unsere sittliche Selbst?ndigkeit ein und macht uns zu einem Gegenstand, auf den lediglich eingewirkt wird. Doch als Handelnde haben wir in Wirklichkeit die Macht, selbst zu entscheiden, wie wir in einer kr?nkenden, verletzenden Situation reagieren.
Thomas B. Marsh, der erste Pr?sident des Kollegiums der Zw?lf Apostel in dieser Evangeliumszeit, entschied sich, Ansto? zu nehmen ? an einer Belanglosigkeit wie entrahmter Milch (siehe Deseret News, 16. April 1856, Seite 44). Dagegen war Brigham Young vom Propheten Joseph Smith ?ffentlich scharf zurechtgewiesen worden, entschied sich aber, keinen Ansto? zu nehmen (siehe Truman G. Madsen, ?Hugh B. Brown ? Youthful Veteran?, New Era, April 1976, Seite 16).
In vielen F?llen ist die Entscheidung, an etwas Ansto? zu nehmen, ein Symptom f?r ein weitaus tiefer gehendes und ernsteres geistiges Problem. Thomas B. Marsh lie? zu, dass auf ihn eingewirkt wurde, und die Folgen waren Abfall vom Glauben und Ungl?ck. Brigham Young war ein Handelnder, der seine Entscheidungsfreiheit aus?bte und in ?bereinstimmung mit richtigen Grunds?tzen handelte. Er wurde zu einem m?chtigen Werkzeug in der Hand des Herrn.
Der Erretter ist unser gr??tes Vorbild darin, wie wir in Situationen, die beleidigend sein k?nnen, reagieren sollen.
?Und wegen ihres ?beltuns wird die Welt ?ber ihn urteilen, er sei ein Nichts; darum gei?eln sie ihn, und er erduldet es; und sie schlagen ihn, und er erduldet es. Ja, sie speien ihn an, und er erduldet es wegen seines liebevollen Wohlwollens und seiner Langmut gegen?ber den Menschenkindern.? (1 Nephi 19:9.)
Dank der Macht des S?hnopfers Jesu Christi k?nnen wir die Kraft haben, keinen Ansto? zu nehmen und jede Kr?nkung zu ?berwinden. ?Gro?en Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden keinen Ansto? nehmen.? (King-James- ?bersetzung; Psalm 119:165.)
Die F?higkeit, sich ?ber Kr?nkung hinwegzusetzen, mag uns unerreichbar erscheinen. Und doch ist sie nicht nur gro?en F?hrern der Kirche wie etwa Brigham Young vorbehalten. Das Wesen des S?hnopfers des Erl?sers und der Zweck der wiederhergestellten Kirche liegen darin, uns zu helfen, genau diese Art geistiger Kraft zu erlangen.
Paulus erkl?rte den Heiligen in Ephesus, dass der Erretter seine Kirche aufgerichtet hat, ?um die Heiligen f?r die Erf?llung ihres Dienstes zu r?sten, f?r den Aufbau des Leibes Christi.
So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.? (Epheser 4:12,13.)
Beachten Sie bitte, dass hier von zum vollkommenen Menschen werden die Rede ist. Wie Elder Neal A. Maxwell gesagt hat, die Kirche ist ?kein gem?tliches Heim f?r die bereits Vollkommenen? (?A Brother Offended?, Ensign, Mai 1982, Seite 38). Die Kirche ist vielmehr eine Lernst?tte, eine Werkstatt, wo wir Erfahrung sammeln und aneinander ?ben, wie man immer mehr zum ?vollkommenen Menschen? wird.
Elder Maxwell hat auch ?u?erst scharfsinnig festgestellt, dass in dieser Lernst?tte der Letzten Tage ? der wiederhergestellten Kirche ? die Mitglieder das f?r Wachstum und Entwicklung unentbehrliche ?Versuchsmaterial? darstellen (siehe ?Jesus, the Perfect Mentor?, Ensign, Februar 2001, Seite 13). Eine Besuchslehrerin lernt ihre Pflicht dadurch, dass sie den Schwestern in der FHV dient und sie liebt. Ein unerfahrener Lehrer macht wertvolle Erfahrungen, w?hrend er sowohl aufmerksame als auch unaufmerksame Sch?ler unterrichtet, und wird so schlie?lich ein besserer Lehrer. Ein neuer Bischof lernt seine Aufgaben durch Inspiration und durch die Arbeit mit den Mitgliedern seiner Gemeinde, die ihn von ganzem Herzen unterst?tzen, auch wenn sie seine menschlichen Schw?chen sehen.
Das Bewusstsein, dass die Kirche eine Lernst?tte ist, bereitet uns auf eine unausweichliche Tatsache vor: Irgendwie und irgendwann wird irgendwer in dieser Kirche etwas tun oder sagen, woran wir Ansto? nehmen k?nnten. Das wird sicher jedem von uns passieren ? und bestimmt nicht nur einmal. Es kommt vor, dass Menschen r?cksichtslos oder taktlos sind, auch wenn sie uns eigentlich gar nicht verletzen oder kr?nken wollen.
Wir k?nnen nicht die Absichten oder das Verhalten anderer Menschen bestimmen. Doch wir k?nnen entscheiden, wie wir uns verhalten. Denken Sie bitte daran, dass wir Handelnde sind, die mit sittlicher Selbst?ndigkeit ausgestattet sind. Wir k?nnen die Entscheidung treffen, keinen Ansto? zu nehmen.
In einer gefahrvollen Zeit, mitten im Krieg, erfolgte ein Briefwechsel zwischen Moroni, dem Hauptmann des nephitischen Heeres, und Pahoran, dem obersten Richter und Regierenden des Landes. Moronis Heer litt Mangel, weil es von der Regierung nicht gen?gend unterst?tzt wurde, und so schrieb Moroni an Pahoran einen geharnischten Brief (?wie ein Schuldspruch?; siehe Alma 60:2) und warf ihm Gedankenlosigkeit, Tr?gheit und Nachl?ssigkeit vor. Pahoran h?tte Moroni seine Worte ?bel nehmen k?nnen, doch er entschied sich, keinen Ansto? zu nehmen. Er reagierte mitf?hlend und berichtete ?ber einen Aufstand gegen die Regierung, von dem Moroni nichts wissen konnte. Dann schrieb er: ?Siehe, ich sage dir, Moroni, dass ich an euren gro?en Bedr?ngnissen keine Freude habe, ja, es bek?mmert meine Seele. ? Und nun hast du mich in deinem Brief getadelt, aber das macht nichts; ich bin nicht zornig, sondern freue mich ?ber die Gr??e deines Herzens.? (Alma 61:2,9.)
Unsere geistige Reife zeigt sich auch ganz deutlich daran, wie wir auf die Schw?chen, die Unerfahrenheit oder das m?glicherweise kr?nkende Verhalten anderer reagieren. Ein Vorkommnis oder eine Bemerkung mag kr?nkend sein, doch wir k?nnen uns entscheiden, keinen Ansto? zu nehmen und wie Pahoran zu sagen: ?Das macht nichts.?
Nun m?chte ich Sie noch zu zweierlei auffordern:
Ich fordere Sie auf, sich mit dem zu befassen und das anzuwenden, was der Erretter ?ber Verhaltensweisen oder Situationen lehrt, die wir als kr?nkend empfinden k?nnten.
?Ihr habt geh?rt, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen N?chsten lieben und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet f?r die, die euch verfolgen. ?
Wenn ihr n?mlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn k?nnt ihr daf?r erwarten? Tun das nicht auch die Z?llner?
Und wenn ihr nur eure Br?der gr??t, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.? (Matth?us 5:43,44,46-48.)
Interessanterweise stehen unmittelbar vor der Aufforderung, vollkommen zu sein, Ratschl?ge dazu, wie wir auf Fehlverhalten und Kr?nkung reagieren sollen. Zu den strengen Anforderungen, die zur Vervollkommnung der Heiligen f?hren, geh?ren eindeutig auch Aufgaben, die uns pr?fen und herausfordern. Wenn jemand etwas sagt oder tut, was wir als beleidigend empfinden, denn besteht unsere Aufgabe erstens darin, keinen Ansto? zu nehmen, und zweitens anschlie?end unter vier Augen offen und ehrlich mit dem Betreffenden zu sprechen. Durch diese Vorgehensweise laden wir den Heiligen Geist ein, uns zu inspirieren. Wir k?nnen Missverst?ndnisse kl?ren und die wahre Absicht erkennen.
Viele Menschen und Familien, die diese Botschaft, n?mlich dass wir uns entscheiden m?ssen, keinen Ansto? zu nehmen, am dringendsten brauchen, nehmen heute wahrscheinlich nicht mit uns an der Konferenz teil. Ich nehme an, dass Sie alle mit Mitgliedern bekannt sind, die der Kirche fernbleiben, weil sie sich entschieden haben, Ansto? zu nehmen, die aber gro?en Nutzen davon h?tten, wenn sie zur?ckk?men.
Werden Sie bitte gebeterf?llt jemanden ausw?hlen, den Sie besuchen und einladen, wieder mit uns gemeinsam Gott zu verehren? Vielleicht k?nnen Sie ihm diese Ansprache zu lesen geben, aber vielleicht wollen Sie lieber pers?nlich mit ihm ?ber diese Grunds?tze sprechen. Und denken Sie bitte daran: Eine solche Aufforderung muss liebevoll und sanftm?tig ausgesprochen werden, nicht aus ?berheblicher Selbstgerechtigkeit heraus.
Wenn wir dieser Aufforderung voll Glauben an den Erretter nachkommen, dann, so bezeuge und verhei?e ich, werden sich T?ren auftun, unser Mund wird gef?llt werden, der Heilige Geist wird Zeugnis von ewiger Wahrheit ablegen und das Feuer des Zeugnisses wird erneut entfacht werden.
Als sein Diener m?chte ich mich den Worten des Meisters anschlie?en: ?Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Ansto? nehmt.? (Johannes 16:1.) Ich gebe Zeugnis, dass der Erretter wirklich lebt, dass er ein Gott ist und dass er die Macht hat, uns zu helfen, keinen Ansto? zu nehmen und jede Kr?nkung zu ?berwinden. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.